Seltenes Bild. «Man kann es nicht erklären, sondern muss es gesehen haben», sagt eine Dame mitten im Gedränge. Es ist tatsächlich ein ebenso seltenes wie eindrückliches Bild, das sich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Eröffnungsparty zum 32. St. Moritz Gourmet Festival in der Küche des ikonischen Badrutt’s Palace bietet. In der riesigen Küche des Swiss Deluxe Hotels drängen sich 250 erwartungsfrohe und hungrige Gäste und versuchen, an den verschiedenen Stationen entlang der drei jeweils rund 15 Meter langen Kochzeilen, ein Gericht der zehn verschiedenen Gastköche zu ergattern.

Kitchen Party 2026

Zehn Gastköche, 250 Gäste: «Kitchen Party» in der Küche des «Badrutt's Palace».

Im Unterbau des «Palace». Vieles ist beim weltweit ältesten Festival dieser Art neu, ein paar Dinge bleiben glücklicherweise unverändert. Neu ist vor allem der Zeitpunkt: 2026 findet die internationale Woche für Feinschmecker erstmals im Sommer statt. Im Winter ist die Destination St. Moritz bereits so erfolgreich, dass es kein ausgefeiltes Gourmetprogramm mehr braucht, um Gäste ins Engadin zu locken. Unverändert ist die Art, wie das Festival eröffnet wird: Den Gästen werden eine schwarze Kochschürze und ein Glas Laurent-Perrier La Cuvée (aus der Magnumflasche) ausgehändigt; anschliessend gelangen sie über verschlungene Wege und Treppen in den Unterbau des Badrutt’s Palace. In der Küche des Hotels sind alle Gastköche, ihre Gastgeber aus dem Engadin und die General Manager der teilnehmenden Häuser zugegen.

Pascal Steffen Kitchen Party

Felchen und Dill: «Roots»-Chef Pascal Steffen aus Basel ist der einzige Schweizer Gastkoch am Gourmet Festival.

Körperkontakt und Ausweichmanöver. Die Kitchen Party war auch 2026 sehr schnell ausverkauft, schliesslich gibt es bei kaum einem anderen Event eine so grosse kulinarische Vielfalt in einer so aussergewöhnlichen Atmosphäre. Der unvermeidliche Körperkontakt, die Ausweichmanöver, wenn sich ein gestresster Koch mit einer heissen Pfanne den Weg durch die Menge bahnen muss, und die Gerüche, als wäre man in einem Viertel voller Strassenküchen in Bangkok oder Marrakesch, sind durchaus Teil des Vergnügens. «Man muss sich durchkämpfen wie sonst im Leben auch», sagt ein Gast mit Humor.

Varun Totlani aus Mumbai

Zusage nach 30 Minuten: Varun Totlani aus Mumbai.

Briani Duck

Eines der Highlights: Pulao mit schwarzem Knoblauch und Enten-Confit.

Julian Stieger

Vegetarisch-frittiert: Gastkoch Julian Stieger («Rote Wand», Lech).

Auberginen und Tagetes. Wer standhaft bleibt, wird mit ausgezeichnetem Essen belohnt – die Bandbreite ist erstaunlich und zeigt das breite Angebot, das das St. Moritz Gourmet Festival 2026 bietet. Von Bogotá bis Oslo sind die Köche mit unterschiedlichsten Ideen und Aromen angereist: Ein vegetarisches Highlight gibt es beim Österreicher Julian Stieger («Rote Wand», Lech), der Aubergine in gerösteter Hefe frittiert und eine gefüllte Zucchiniblüte daraufsetzt. «Ich wollte etwas Gesundes kochen, aber dann war es zu gesund. Da haben wir die Aubergine halt frittiert», sagt er lachend. Auch Emmanuel Pilon, der Mann von Alain Ducasse im Drei-Sterne-Restaurant «Le Louis XV» in Monaco, ist bekannt für seinen virtuosen Umgang mit Gemüse. In diesem Fall kombiniert er Mais mit Murex-Muscheln und einer geheimnisvollen Emulsion mit einer fast mangoartigen Süsse: «Wir verwenden Tagetes, um diesen Geschmack zu erzeugen», erklärt Pilon.

Fabrizio Zanetti Emmanuel Pilon

Mais und Muscheln: Emmanuel Pilon («Le Louis XV», Monaco) mit «Suvretta»-Chef Fabrizio Zanetti.

Indien, Taiwan, Basel. An Pilons Seite steht sein Gastgeber Fabrizio Zanetti, Küchenchef im «Suvretta House» und kulinarischer Leiter des Festivals, der jedes Jahr grossen Aufwand bei der Rekrutierung der Gastköche betreibt. Aber ein Engagement lief besonders glatt: «Als ich den Inder Varun Totlani aus Mumbai per Mail angefragt habe, ob er am Festival teilnehmen wolle, kam 30 Minuten später eine Zusage als Antwort», erzählt Zanetti. Totlani steht für die ganze Bandbreite indischer Aromen, die er mit zeitgemässen Küchentechniken verbindet. Sein Gericht in einer kleinen Schale, mit optionaler scharfer Sauce als Zusatz, gehört zum Besten, was an dieser «Kitchen Party» geboten wird: Reis mit schwarzem Knoblauch, Entenconfit und Morcheln. Wer Fisch mag, wird mit dem Felchen von Pascal Steffen («Roots», Basel), dem einzigen Schweizer am Festival, glücklich. Und ein aussergewöhnliches Fleischgericht bietet der Taiwanese Kai Ho vom Drei-Sterne-Restaurant «Taïrroir» in Taipei City: Poulet-Schenkel -und Flügel als Fingerfood mit Basilikum, Sesam und Ingwer.

Desserbuffet Kitchen Party

Nebel, Beats und Licht: das Dessert-Buffett von Stefan Gerber.

Kai Ho Badrutts

Die Gastgeber: «Badrutt'»-Executive Chefs Loris di Santo (2.v.r.) und Antonio Pavone (r.) mit Gastkoch Kai Ho (3.v.r.).

«Grosses Potenzial.» Die meisten Instagram-Storys – auch daran hat sich zum Glück nichts geändert – werden weiterhin gegen Ende der Party im Patisserieraum von Stefan Gerber realisiert. Der «König der Süssigkeiten» im «Palace» inszeniert seine kleinen Desserts – von Macarons bis zu Fruchtsalaten – effektvoll mithilfe schubkräftiger Nebelmaschinen, bunter Lichteffekte und Clubrhythmen. Der Auftakt sei geglückt, findet zum Schluss Claudio Dietrich. Der Direktor des Hotels Waldhaus Sils-Maria ist Präsident des St. Moritz Gourmet Festivals und sieht «grosses Potenzial» im neuen Sommerprogramm: «Im August können wir uns noch weiterentwickeln, im Winter hingegen waren wir in unseren Möglichkeiten beschränkt.» Dass es das Festival bald nicht mehr brauchen könnte, weil die Gästezahlen auch im Juli und August immer häufiger Winterniveau erreichen, ist für Dietrich eine «falsche Schlussfolgerung». «Wir müssen den Gästen Gründe geben, ins Engadin zu kommen, und ihnen etwas bieten», sagt er. Entschieden ist jedenfalls schon zu Beginn einer abwechslungsreichen Woche, dass es auch 2027 ein St. Moritz Gourmet Festival geben wird.

>> St. Moritz Gourmet Festival

 

Fotos: HO