Die meisten Restaurants auf «Züri isst» sind keine fünf Jahre alt. Ein Fakt, der unterstreicht, in welchem Tempo die Zürcher Gastronomie gerade voranschreitet. Am anderen Ende des Restaurant-Spektrums stehen jedoch altehrwürdige Institutionen, die Konkurrenten und Food-Trends gleichermassen kommen und gehen sehen. Sie erwecken den Eindruck, als hätte sich seit ihrer Eröffnung nichts verändert – weder die Speisekarte noch das Personal oder die Einrichtung. Ein besonderer Mythos umgibt drei Restaurants im höheren Preissegment: die «Kronenhalle» am Bellevue (Titelbild), das «Casa Ferlin» nähe Hauptbahnhof, und das «Emilio» beim Stauffacher. Das älteste unter ihnen eröffnete, als Autos noch wie Kutschen aussahen und die ersten Staubsauger gerade den Markt eroberten. Sie rühmen sich mit unterschiedlichen Hausspezialitäten, hinterlassen aber punkto Gesamterlebnis doch ganz ähnliche Eindrücke. Dazu gehört ein hochprofessioneller Tischservice, der Gerichte zuerst in Pfannen oder auf Silberplatten präsentiert, bevor sie vor dem Gast landen.

Kronenhalle – Hausspezialität: Zürcher Geschnetzeltes

Die «Kronenhalle» wirtet als einziges Restaurant im Trio ohne Unterbruch in den gleichen Räumlichkeiten seit seiner Eröffnung 1924. Viele Gäste kommen für einen ganz bestimmten Klassiker hierhin: Zürcher Geschnetzeltes. An der Rämistrasse gibts eine hauseigene Version davon auf konstant gutem Niveau: Mit butterzarten Kalbsfilet-Streifen und einer sämigen, samt Champignon pürierten Rahmsauce. Die Beschaffenheit der dazu servierten Rösti schwankt hingegen wie der Bitcoin-Kurs: Manchmal schmecken sie halbroh, manchmal glänzen sie mit goldbrauner Kruste und dem süsslichen Aroma von Butter. Besser gefallen andere Klassiker auf der Karte, wie Mistkratzerli mit Pommes frites, oder Bollito misto, den die «Kronenhalle» jeweils Mittwoch- und Samstagmittag im Servierwagen direkt an den Tisch rollt. Ein Besuch im Restaurant lohnt sich alleine schon aufgrund der einmaligen Atmosphäre: Sie vereint edlen Brasserie-Charme mit unbezahlbaren Gemälden von Künstlern wie Chagall, Mirò und Matisse.

 

Adresse: Rämistrasse 4, 8001 Zürich (auf Google Maps anzeigen)

Restaurant Kronenhalle in Zürich

Schon alleine aufgrund des einmaligen Ambientes lohnt sich der Besuch in der «Kronenhalle».

Zürcher Geschnetzeltes in der Kronenhalle in Zürich

Die riesigen Portionen in der Kronenhalle relativieren bis zu einem gewissen Grad die hohen Preise.

Casa Ferlin – Hausspezialität: Ravioli

Das älteste Restaurant im Test öffnete erstmals 1907 an der Stampfenbachstrasse seine Türen, bevor es 1955 in den Ersatzneubau an derselben Adresse einzog. Wer vom «Casa Ferlin» spricht, spricht auch von den hausgemachten Ravioli. Sie sehen aus wie Wontons und bestechen durch einen hauchdünnen, geschmeidigen Teig mit leichtem Biss. Im Gegensatz dazu hinterlässt die milde Füllung einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits kann das magere und daher leicht trockene Kalbfleisch nur einen schwachen Akzent setzen, andererseits gefällt der puristische Ansatz. Die Rahmsauce bei der Variante «alla Meno» liefert mehr Unterstützung in dieser Hinsicht. Sehr überzeugend schmeckt dafür das Zabaione – eine schaumig geschlagene Creme aus Eigelb und Zucker, verfeinert mit Marsala. Die Platzverhältnisse gestalten sich im «Casa Ferlin» weniger grosszügig als in der «Kronenhalle», dafür fühlt man sich dank der italienischen Herzlichkeit sehr gut aufgehoben.

 

Adresse: Stampfenbachstrasse 38, 8006 Zürich (auf Google Maps anzeigen)

Ravioli im Casa Ferlin in Zürich

Die hausgemachten Ravioli kommen wahlweise an einer Butter- oder Rahmsauce.

Casa Ferlin in Zürich

Ambiente und Servicepersonal scheinen im «Casa Ferlin» wie aus einer anderen Zeit.

Emilio – Hausspezialität: Mistkratzerli

Im Gegensatz zum «Casa Ferlin» ist das spanische Restaurant an der Zweierstrasse schon fast ein Jungspund. Es eröffnete ursprünglich 1940 an der Müllerstrasse und musste nach einem Brand an die heutige Adresse wechseln. Im «Emilio» ist das Gericht der Begierde ein Mistkratzerli, das Stammgäste als das beste der Stadt bezeichnen. Es kommt in vier Etappen auf den Tisch mit jeweils einer frischen Portion Beilage. Auf den ersten Blick überzeugten die knusprige Haut sowie das saftige Fleisch – was aber ausblieb: Liebe auf den ersten Biss. Es schmeckte leicht verbrannt, ohne so auszusehen. Und versalzen war es auch. Vielleicht unterlief der Küche einen Fehler: Das junge Poulet wird zum Schluss noch mit flüssiger Butter übergossen, um die Haut zu bräunen. Aber an diesem Abend schienen sich sogar die Pommes frites zu weigern, ihren guten Ruf bestätigen zu wollen. Sie zeichneten sich zwar durch einen aromatischen Kartoffelgeschmack aus, verdienten aber beim besten Willen nicht das Prädikat «knusprig».

 

Adresse: Zweierstrasse 9, 8004 Zürich (auf Google Maps anzeigen)

Restaurant Emilio in Zürich

Eine Institution, die ihren Ruf am Testabend nicht bestätigen konnte: Das «Emilio» an der Zweierstrasse.

Mistkratzerli im Restaurant Emilio in Zürich

Das Mistkratzerli war versalzen, die Pommes frites hätten knuspriger sein müssen.