Text: Stephan Thomas | Bilder: Nik Hunger

Standardwerk, so schwer wie ein Baby. Wenn Sie Wein zugetan sind und Ihnen der Name José Vouillamoz nichts sagt, ist es höchste Zeit, ihn zu speichern. Vouillamoz ist nämlich einer der wenigen Schweizer Weinmenschen, die in der internationalen Szene wirklich grosse Nummern sind. So steht sein Name auf dem Buchdeckel von «Wine Grapes» neben jenen von Jancis Robinson und Julia Harding – das ultimative Standardwerk auf dem Gebiet der Rebsorten. Ein Schmöker von über 1200 Seiten, der 1368 Rebsorten aufführt: «Und mit drei Kilo Gewicht. So schwer ist normalerweise ein Baby», witzelt Vouillamoz. «Es ist mein Baby.» José Vouillamoz ist einer der wichtigsten Rebgenetiker unseres Planeten, wenn nicht der wichtigste.

Unglückliche Toskaner. Vouillamoz ist aber auch ein Held des Schweizer Weins: Er hat nachgewiesen, dass der Chasselas, diese emblematische Schweizer Rebsorte, auch tatsächlich von hier stammt, nämlich vom Genferseebogen. Etwas weniger glücklich sind die Bündner, denen Vouillamoz hat sagen müssen, dass ihr Completer seit langem auch im Wallis heimisch ist. Ebenso die Toskaner, weil sie von ihm erfuhren, dass ihr Sangiovese unter anderem Namen auch in Kalabrien wächst.

Masterclass mit Jose Vouillamoz, im Restaurant Rechberg, Zürich

Auch Rebsorten haben Stammbäume: José Vouillamoz an der Masterclass.

Masterclass mit Jose Vouillamoz, im Restaurant Rechberg, Zürich

Probieren geht über Studieren: 20 Weine wurden im «Rechberg 1837» degustiert.

Zweimal zehn Weine im Glas. Swiss Wine, das nationale Promotions-Organ für Schweizer Weine, lud nun zu einer Masterclass mit José Vouillamoz ins Restaurant Rechberg 1837 in Zürich. Als Veranstalter dabei waren GaultMillau sowie die Organisationen «Jungwinzer Schweiz» und «Mémoire des Vins Suisses». Angesprochen war ein Fachpublikum, namentlich Sommelièren und Sommeliers. Vouillamoz griff tief in die Kiste seines grossen Wissens. Und zwar so, dass auch Weinkundige noch etwas mitnehmen konnten – immer natürlich mit dem Glas in der Hand. Die Degustation war in zwei Staffeln aufgeteilt: Zuerst zehn Weine aus Sorten mit Schweizer «DNA», dann ebenso viele aus internationalen Sorten, die aber in der Schweiz Karriere gemacht haben.

Schweizer Wein? Schnäppchen! Ein Merkmal des Schweizer Weins, das Vouillamoz herausstrich, ist die Vielfalt. Sie habe aber nicht nur Vorteile: «Wegen dieser Vielfalt können Sie nicht die Nase an ein Glas halten und sagen: Aha, ein typischer Schweizer!, wie sie das vielleicht mit einem Burgunder können.» Entschieden wehrt sich Vouillamoz übrigens gegen das Klischee, Schweizer Wein sei teuer. «Im Wallis müssen für eine Hektare Reben jährlich 2000 Arbeitsstunden aufgewendet werden. Im Bordelais sind es vielleicht 300. Sie können sich nun ausrechnen, wieviel der Schweizer Wein eigentlich kosten müsste.»

Masterclass mit Jose Vouillamoz, im Restaurant Rechberg, Zürich

Das Fazit von José Vouillamoz: «Be smart – drink swiss wine!»

Wer ist der «Casanova der Rebsorten»? Spannend waren Vouillamoz' Ausführungen zur rebgenetischen Herkunft der Sorten. Auf dem Bildschirm standen da Stammbäume, die so aussahen wie jene von Menschenfamilien. Schliesslich hat auch jede neue Rebsorte ein Mami und einen Papi. Und diesbezüglich hat die Forschung Erstaunliches zutage gefördert. Etwa, dass ein Elternteil des Cabernet Sauvignons der weisse Sauvignon blanc war. Oder dass die fast ausgestorbene Rebsorte Weisser Heunisch (Gouais blanc) Vater von über 80 Sorten ist, darunter Chardonnay und Riesling! Vouillamoz nennt ihn deshalb scherzhaft «Casanova der Rebsorten». Er widerlegt auch hartnäckig sich haltende Mythen wie jene, dass Syrah etwas mit der persischen Stadt Shiraz zu tun habe.

Nase vorn bei Syrah. Stolz ist Vouillamoz nicht nur auf seine Forschungserfolge, sondern auch auf den Schweizer Wein überhaupt. Gerne zeigt er das Resultat der Degustation durch eine internationale Fachjury, die blind Syrahs aus aller Welt verkostet hat: Die ersten vier Ränge belegen Schweizer Weine. Bekanntere Abfüllungen von der Rhone und aus Übersee, die locker das Zehnfache kosten, sind weit abgeschlagen. An den Schluss seiner Ausführungen setzt Vouillamoz das Motto von Swiss Wine: «Be smart – drink swiss wine!»

 

>> www.swisswine.com