Martina Wilhelm, können Sie sich an Ihr erstes Glas Wein erinnern?
Das ist schon eine Weile her. Was es genau war, weiss ich nicht mehr, aber es war während meiner Ausbildung an der Hotelfachschule. Zu diesem Zeitpunkt hat mich Wein noch nicht wirklich begeistert. Bis zu meinem 19. Lebensjahr habe ich überhaupt keinen Alkohol getrunken. Das ging auf eine Wette mit meinem Vater zurück: Er wollte meine Autoprüfung bezahlen, wenn ich bis 18 nichts trinke. Der eigentliche Wendepunkt kam, als ich Assistant Restaurant Managerin im Widder Hotel in Zürich war. Ein Glas Ruinart Blanc de Blancs hat bei mir etwas in Gang gesetzt.
Was war an diesem Glas Champagner so besonders?
Da ging für mich eine Tür auf. Das war einfach ein Wow-Moment.
Was sagt Ihr Vater eigentlich dazu, dass Sie den Wein zum Beruf gemacht haben?
Er hat grosse Freude daran. Er weiss, dass mich der Beruf wirklich begeistert. Wir sind eine Gastronomenfamilie. Oft kocht mein Vater, und ich übernehme die Weinbegleitung dazu. Das verbindet uns sehr.
Wie schafft man es als Sommelière, den eigenen Weinkonsum unter Kontrolle zu halten?
Es ist tatsächlich ein schmaler Grat, weil Beruf und Passion so eng zusammenhängen und man täglich mit Wein konfrontiert ist. Man muss sehr aufmerksam und diszipliniert bleiben. Die Sommelièren und Sommeliers, die ich kenne und die es weit gebracht haben, sind alle extrem diszipliniert.

Frisch gekürt: Martina Wilhelm (2. v.l.) mit Vater Alexander (r.) sowie Stephanie Ospelt und David Klocksin vom Restaurant Wöschi mit der Auszeichnung zur «Jungsommelière des Jahres».
Wann wussten Sie, dass Wein-Expertin Ihr Traumberuf ist?
Die Ausbildung habe ich zunächst aus praktischen Gründen begonnen. Während des Corona-Lockdowns hat Gastro Suisse kostenlose Lehrgänge angeboten – das war eine gute Gelegenheit, meine Service-Kompetenz zu erweitern. Die echte Leidenschaft ist dann mit der Zeit gewachsen. Heute bin ich mega stolz auf diesen Weg.
Eine gute Sommelière braucht viel Wissen und ein feines Gespür für die Gäste. Was ist ausserdem wichtig?
Mut und Offenheit. Die Welt der Weine ist riesig. Man kann nicht alles wissen – und das muss man sich auch eingestehen. Wichtig ist, neugierig zu bleiben, nachzufragen und offen für Neues zu sein.
Wie gehen Sie mit den Gästen um?
Ich möchte sie mit Wein begeistern. Wenn jemand genau weiss, was er will, öffne ich die gewünschte Flasche natürlich sehr gerne. Besonders erfüllend ist es aber, wenn Gäste sich auf eine Entdeckungsreise einlassen – etwa mit einer Weinbegleitung. Ich zwinge jedoch niemandem etwas auf.

Voller Begeisterung für Wein: Sommelière Martina Wilhelm.

Arbeitsplatz mit Seeanstoss: Restaurant Wöschi in Zürich-Wollishofen.
Der Weinkonsum geht generell zurück. Wie reagieren Sie darauf?
In der Wöschi bieten wir eine sehr gute alkoholfreie Getränkebegleitung an, die auch rege nachgefragt wird. Manche Gäste trinken gar nichts, aber die meisten lassen sich mit ein, zwei Gläsern Offenausschank begeistern. Dann haben wir unsere Aufgabe schon erfüllt.
>> Martina Wilhelm (30) wurde vom GaultMillau in Zusammenarbeit mit Swiss Wine zur «Jungsommelière des Jahres 2027» gekürt. Die Absolventin der Gastgewerblichen Fachschule Graubünden ist seit zwei Jahren Sommelière im 16-Punkte-Restaurant Wöschi in Zürich und absolviert derzeit die Ausbildung zur Weinakademikerin. Zuvor arbeitete sie beim Weinhändler Terra Vigna sowie bei den Spitzenköchen Mitja Birlo, Reto Lampart und Stefan Heilemann.
Fotos: Samir Seghrouchni, Fabian Häfeli, Lorena Widmer

