Die besten Schweizer Weine. Catherine Cruchon ist eine hervorragende Bio-Winzerin. Seit 2024 ist sie zudem Co-Präsidentin von «Mémoire des Vins Suisses» (MDVS). Die Vereinigung sammelt in einer «Schatzkammer» die besten Schweizer Weine jedes Jahrgangs und beobachtet unter anderem deren Reifungspotenzial. Anlässlich des «Mémoire Wine Summit» in Sierre wurden über 100 Flaschen dieser Bibliothek für Fachjournalisten geöffnet. Der GaultMillau nutzte die Gelegenheit und sprach mit Cruchon über ihre ersten zwei Jahre im MDVS-Vorstand.

Catherine Cruchon, Sie sind seit 2024 Co-Präsidentin der Mémoire des Vins Suisses – war der Wechsel problemlos?

Da wir ja gleich den ganzen alten Vorstand ausgewechselt haben, gab es auch keine Probleme. (Sie lacht.) Nein, im Ernst, wir wurden gut eingearbeitet, und jetzt kommt allmählich Schwung in die Sache. Unsere Vorgänger haben tadellose Arbeit geleistet – dass Schweizer Wein durchaus Reifungspotenzial hat, gilt inzwischen als Fakt.

Was machen Sie anders als Ihre Vorgänger?

Die Grundidee hinter dem Mémoire, gute Weine in einer Schatzkammer über mehrere Jahre zu lagern, möchten wir beibehalten. Aber wir möchten ein wenig mehr Lärm machen.

Mehr Lärm?

Jährlich werden 2800 Weine eingelagert, bisher wurden aber nur ungefähr 500 Flaschen pro Jahr entkorkt! Wir wollen diese Zahl auf bis zu 2000 Flaschen steigern und die Weine einem grösseren Publikum präsentieren – an Events, bei Degustationen, in Restaurants. Es soll weniger elitär zu- und hergehen als bisher, wir wollen nicht nur Fachleute ansprechen. Es ist schade, eine solch gut dokumentierte Vinothek zu haben und sie nicht auch ausgiebig zu nutzen.

Der Mémoire Wine Summit ist ein erster Versuch in diese Richtung?

Hier in Sierre wollten wir Degustationsbedingungen anbieten, die es so in der Schweiz noch nie gegeben hat: Jeder Teilnehmende verfügt über einen eigenen privaten Tisch, die Weine werden auf Bestellung direkt an den Tisch gebracht. So haben die Experten ideale Bedingungen, um Notizen zu machen, sie können die Weine degustieren, die sie möchten, in der Reihenfolge und im Tempo, die sie wünschen. Neben 27 Schweizer Experten durften wir auch sieben internationale Fachleute empfangen. Ein Erfolg!

Sierre, le 27 août 2026, Wine Summit, La mémoire des vins Suisses, ici avec Catherine Cruchon, du domaine Henri Cruchon, co-présidente des mémoires © sedrik nemeth

Mémoire Wine Summit: Fachleute konnten die besten Schweizer Weine unter Top-Bedingungen verkosten.

Sie zielen also auch aufs Ausland. Warum?

Dem Prestige des Schweizer Weins hilft es ungemein, wenn unsere Chasselas in den besten Restaurants in Tokyo oder in Schweden verkauft werden. Darauf reagiert auch der Weinhandel in der Schweiz, der sich oft lieber auf ausländische Tropfen fokussiert, weil die Margen dort oft besser sind. Und wenn künftig etwas mehr als zwei Prozent unserer Weine auch im Ausland verkauft werden, kann ich auch dies nur gutheissen.

Gibt es in der Mémoire-Schatzkammer noch Weine aus den Gründungsjahren?

Natürlich. Von jedem eingelagerten Jahrgang werden sechs Flaschen nicht angerührt! Wir sparen sie auf für ganz besondere Momente.

Wann soll das sein?

Vielleicht beim 50-Jahr-Jubiläum der Mémoire? Wenn man eine ganz alte Flasche aufmacht, muss man nicht zwingend den bestmöglichen Reifemoment erwischen, es geht auch darum, Emotionen zu wecken.

Wo lagern die inzwischen rund 30’000 Flaschen?

An einem ganz geheimen Ort (lacht). Sie sind in Herzogenbuchsee im Lager von Hammel gelagert. Das ist zentral gelegen, die Weine sind perfekt klimatisiert und dort auch versichert. Allerdings müssen wir das Handling, auch aus Kostengründen, noch verbessern. Teilweise muss man zig Kisten verschieben, nur weil man bloss zwei Flaschen eines bestimmten Weins braucht.

Ist ein Wein, der gelagert wird, wirklich immer besser? Irgendwann geht doch Frische verloren?

Ich verstehe die Frage gut. Manche Weine sind tatsächlich am schönsten, wenn sie in den ersten drei Jahren getrunken werden – und perfekt die typischen primären Fruchtaromen einer Sorte zeigen. Darum haben wir ja auch keine Rosés in unserer Schatzkammer.

Welche Weine eignen sich denn für die Lagerung?

Ich nenne sie Terroirweine. Das sind Weine, die etwas zu erzählen haben. Erst mit den Jahren zeigt ein solcher Tropfen seine ganzen Facetten und seine Komplexität, je nach Boden, nach Alter der Rebstöcke, nach Parzelle oder der Arbeit des Winzers. Persönlich finde ich, dass sich Chasselas beispielsweise oft in den ersten drei und dann wieder nach etwa 15 Jahren besonders schön präsentiert.

Sind Terroirweine die besseren Weine?

Das möchte ich so nicht behaupten. Es ist eher vergleichbar mit der Musik. Niemand, der Musik zu hören beginnt, startet mit komplexem Jazz, sondern eher mit kommerziellen Stücken. Aber mit der Zeit bekommt man ein Ohr für Feinheiten.

Hat das Mémoire bei manchen Weinen auch schon den optimalen Genussmoment verpasst?

Das kann passieren. Und tatsächlich denken wir inzwischen bei manchen Weinen auch darüber nach, ältere Jahrgänge an die Winzer zurückzugeben. Das Problem, das uns dabei aber begegnet: Manchmal sind zwei Flaschen wirklich problematisch – die dritte dann aber schlichtweg genial. Was wir sicher nicht mehr möchten: Weine lagern, um des Lagerns willens.

Sierre, le 27 août 2026, Wine Summit, La mémoire des vins Suisses, ici avec Catherine Cruchon, du domaine Henri Cruchon, co-présidente des mémoires © sedrik nemeth

Ein mehrköpfiges Team kümmerte sich um mehr als 30 Weinexperten.

Sierre, le 27 août 2026, Wine Summit, La mémoire des vins Suisses, ici avec Catherine Cruchon, du domaine Henri Cruchon, co-présidente des mémoires © sedrik nemeth

Individuelles Tempo, grosse Tische: «Ein Erfolg!», bilanziert Catherine Cruchon.

Rennen Ihnen neue Bewerber die Türe ein?

Wir haben immer Anfragen von Winzerinnen und Winzern. Viele wären bereit, auch jährlich die benötigten Flaschen beizutragen. Wir sind da auch nicht abgeneigt, dass jährlich ein, zwei neue Namen dazukommen. Aber, da müssen wir konsequent sein, es müssen dann auch Weingüter ausscheiden, welche die festgeschriebenen Qualitätskriterien nicht mehr erfüllen.

Hat sich die eingelagerte Menge bewährt?

Zurzeit gehen wir davon aus, dass die zu Beginn jährlich eingereichten 60 Flaschen eher viel sind – wir haben auf 48 Flaschen heruntergeschraubt. Das reicht momentan sicher aus, damit die Schatzkammer ihre jetzige Grösse beibehält.

Schweizer Wein ist in den letzten immer besser geworden?

Das gilt auf der ganzen Welt, das gilt so auch in der Schweiz. Die Forschung und die Techniken im Weinbau wurden verbessert, und das merkt man beim Endprodukt.

Stösst man wegen  der Klimaerwärmung irgendwann an Grenzen?

Bis jetzt profitieren wir.  Aber wie die Situation in zwanzig, dreissig Jahren sein wird, weiss man heute tatsächlich noch nicht. Meiner Meinung nach bleiben die Challenges für die Winzerinnen und Winzer ähnlich – man versucht von Jahr zu Jahr, wenn möglich, besser zu werden. Man reagiert auf das Wetter, muss vielleicht an manchen Orten Pinot Noir mit Grenache oder Syrah ersetzen. Und so wie es früher üblich war, in schlechten Jahren Zucker in den Wein zu geben, müssen wir heute vielleicht sogar darüber sprechen, ob man Wasser hineingeben soll.

Ein heikles Thema.

In den USA wird das bereits gemacht, wir sollten zumindest eine Debatte darüber führen. Natürlich müsste das strengstens reglementiert sein, erklärtes Ziel wäre auf jeden Fall die optimale Weinqualität, sicher nicht die Mengensteigerung. Wenn die phenolische Reife der Traube erreicht werden soll, ein Pinot Noir aber trotzdem nur um die 13 Prozent Alkohol enthalten soll, dürfen meiner Meinung nach solche Überlegungen kein Tabu sein.

Sierre, le 27 août 2026, Wine Summit, La mémoire des vins Suisses, ici avec Catherine Cruchon, du domaine Henri Cruchon, co-présidente des mémoires © sedrik nemeth

«Winzer haben viel Kontakt zu anderen Menschen, das macht sie weltoffen», sagt Catherine Cruchon.

Bioweine sind im Aufwind – was ändert sich beim biologischen Anbau wegen des Klimas?

Wenn es trocken ist, wie dieses Jahr, wird die Sache einfacher – gewisse Schädlinge kommen dann gar nicht erst zum Zug. Wenn es aber überraschende Niederschläge gibt, kann es auch mal schwieriger sein. Beim biologischen und beim biodynamischen Anbau geht es im Wesentlichen darum, dass die Böden gesund und locker sind – das hilft bei Regen und bei trockenem Wetter. Ich glaube, mit Bio ist man künftig deutlich im Vorteil. Ganz einfach darf es aber nicht sein – Reben wurden schon immer dort gepflanzt, wo Landwirtschaft nicht leicht von der Hand geht.

Sie haben Ende August bereits mit der Ernte begonnen. Wie wird 2026?

Wir haben sehr kleine Beeren mit wenig Saft. Ich gehe davon aus, dass die Qualität sehr gut sein wird, die Mengen aber eher klein. Die grosse Challenge dieses Jahr ist es, solange zu warten, bis die Tannine reif sind, aber nicht so lange, dass keine Säure mehr in den Trauben vorhanden ist.

In immer mehr Weingütern sind inzwischen Frauen am Ruder. Ist der Winzerberuf besonders frauenfreundlich?

Das kann man so sagen, und zwar aus verschiedenen Gründen. Winzer waren schon immer weltoffen – weil sie ihre Produkte selbst an den Mann bringen müssen, haben sie viel Kontakt zu anderen Menschen, das macht open minded. Zudem hilft es, dass der Winzerberuf zwar ein körperlicher Job ist, aber im Gegensatz zu beispielsweise Forstarbeit stossen da viele Frauen nicht so schnell an ihre Grenzen. Laura Paccot, Sarah Besse und ich sind ja nicht die ersten, vor uns waren schon Marie-Thérèse Chappaz, Emilienne Hutin und Madeleine Gay.

Lassen sich Familienleben und Winzerei denn gut verbinden?

Das ist ein heikler Punkt. Als ich jung war, sagten meine Eltern natürlich schon, dass ich später beruflich alles machen könne, was ich möchte. Bei meinem Vater habe ich aber auch gesehen, was als Winzer alles dazugehört: die Degustationen, die Vereine, die Veranstaltungen. Mein Vater jedenfalls hat bei uns daheim nur am Wochenende mal gekocht…

Es ist doch eine schöne Vorstellung, dass die Mutter Trauben schneidet und die Kinder durch die Reben hüpfen.

Aber sie ist allzu romantisch. Auch als Winzerin muss man sich entscheiden, wo genau man sich engagiert – und welche Arbeiten man am Ende dem Partner oder Mitarbeitern überlässt. Niemand kann sein ganzes Leben lang 200 Prozent geben.