Fotos: Digitale Massarbeit
Tanja Grandits, Sie sind kürzlich aus Kambodscha zurückgekehrt. Was war der Grund für die Reise?
Zum einen wollte ich schon lange mal wieder nach Bangkok und zum anderen war es ein Wunsch, endlich den Campus von Smiling Gecko nordöstlich der Hauptstadt Phnom Penh zu sehen. Er wurde von dem Schweizer Künstler und Fotograf Hannes Schmid gegründet – ein grossartiges Projekt mit einer Schule für kambodschanische Kinder, Küchen, Hotel und einer riesigen Farm. Wegen des Konfliktes an der thailändisch-kambodschanischen Grenzen gab es aber zwischendurch Reisewarnungen. Schliesslich hat es dann aber zum Glück geklappt.
Woher kommt das Interesse?
Die Köchin Mariya Un Noun, die auf dem Campus arbeitet, war vor nicht allzu langer Zeit für ein gemeinsames Essen bei mir im «Stucki». Sie ist eine fantastische Kollegin, und ich habe grosse Sympathien für sie. Dazu kommt mein Respekt für die Arbeit von Hannes Schmid. Ich habe noch nie einen Menschen wie ihn getroffen, der das Leben von so vielen Menschen konkret verbessert. Mariya hat mit zwei Kindern in Slums gewohnt und dann von Hannes die Möglichkeit bekommen, im Hotel auf dem Campus zu arbeiten.

«Fantastische Kollegin»: Köchin Mariya Un Noun.

Einmalig: Fotograf und NGO-Gründer Hannes Schmid.
Was zeichnet die Küche von Mariya aus?
Sie hat mir an einem Chef’s Table ein Menü serviert, das unglaublich raffiniert und fein war. Dabei ist sie weitgehend Autodidaktin – abgesehen von einigen Praktika und dem Programm der Stiftung Uccelin, die sie gemacht hat. Sie hat sich unglaublich viel Wissen angeeignet, das sie jetzt wiederum jungen Leuten auf dem Campus weitergibt. Ein Gericht, das unvergessen bleiben wird, war ein Salat aus grüner und reifer Mango, angerichtet wie eine Blume. Dazu eine Sauce aus Passionsfrucht, Pandan-Öl und Kräutern. Das Schöne daran war auch, dass alle Zutaten auf der Farm von Smiling Gecko wachsen. Auf jeden Fall hat mir das so gut gefallen, dass ich mich spontan zur Botschafterin von Mariya und von Smiling Gecko ernannt habe.
Mit welchem Ziel?
Ich möchte, dass ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird. Sie hätte zum Beispiel einen Platz auf der Liste «50 Best Restaurants» in Asien oder auch einen Michelin-Stern verdient. Gleichzeitig versuche ich, ihr konkret zu helfen. Zum Beispiel mit Tipps für ihr erstes Kochbuch, das sich gerade in der Entstehung befindet.

«Raffiniert und fein»: Salat aus Papaya und Mango mit frischen Kräutern und Passionsfrucht-Sauce.

Khmer-Frische: Barsch mit Kampot-Salz und Pfeffer an einer Sauce mit Zitronengras, Joghurt und Pandan-Öl.
Nach zehn Tagen in Kambodscha: Welchen Eindruck hatten Sie von der Küche des Landes?
Es gibt eine eindrucksvolle Produktvielfalt – vom Palmzucker bis zur Pandan-Palme. Die Küche ist vergleichbar mit jener Vietnams, die Gerichte sind frisch, leicht und voller Gewürze. Es ist ein Geschmack, der einen glücklich macht.
Können Sie mir als Daheimgebliebenen den Campus von Smiling Gecko beschreiben?
Es handelt sich um ein riesiges Areal an einem Ort im Dschungel, wo davor nichts war. Was mir als Köchin besonders gefallen hat, ist die Vielfalt, die dort zu sehen ist. Auf der Farm werden Fische, Hühner oder Schweine gezüchtet, es arbeiten Top-Agronomen dort, Forscher der ETH Zürich engagieren sich, es wächst unglaublich viel Obst und Gemüse und sogar Vanille. Wer weiss, wie anspruchsvoll die Aufzucht von Vanille ist, kann nur staunen.

Grosse Vielfalt: Fischzucht auf dem Campus von Smiling Gecko.

«Man kann nur staunen»: Tanja Grandits und Mariya Un Noun in einem der Gewächshäuser.

Anspruchsvoll: Sogar Vanille wächst auf der Farm im Dschungel.
Der Campus versorgt sich also selbst?
«Farm to Table» ist zu einem Trendbegriff geworden, den man in der Gastronomie heute viel hört. Aber ich habe noch nie einen Ort besucht, an dem dieses Prinzip in einer solchen Konsequenz umgesetzt wird wie bei Smiling Gecko.
Smiling Gecko kümmert sich aber auch um die Bildung kambodschanischer Kinder. Wie muss man sich das vorstellen?
Auch das ist etwas, was ich noch nie zuvor gesehen habe: Morgens um sieben Uhr treffen 600 Kinder auf den Campus ein. Sie tragen Hauskleidung, die ihnen zur Verfügung gestellt wird, und kommen in einer Ruhe und gleichzeitig Fröhlichkeit dort an, die mich zutiefst berührt hat. Zum Tagesablauf gehört, dass die Kinder erst duschen und dann ihre Schuluniformen anziehen. Das ist wichtig, weil die hygienischen Zustände im Land problematisch sind. Auch Mangelernährung ist ein verbreitetes Problem, das zu vielen Krankheiten führt. Deshalb bekommen die Kinder drei Mahlzeiten pro Tag. Eine Grossküche bereitet täglich Hunderte von Mahlzeiten für Lehrer und Schüler zu.

«Ruhe und Fröhlichkeit»: Kinder bei der Morgen-Hygiene vor dem Schulbeginn auf dem Campus von Smiling Gecko.
Ist das vergleichbar mit einer Tagesschule in der Schweiz?
Im Gegenteil, es ist mir aufgefallen, wie anders diese Kinder sind. Weil sie keine Handys und andere Medien nutzen, sind sie wie Schwämme, die alles mit Begeisterung aufsaugen. Der Unterricht erfolgt zweisprachig in Englisch und Khmer, fester Bestandteil des Lehrplans ist auch, dass jedes Kind ein Instrument lernt.
Wie kommt das zu Stande?
Das ist eine typische Hannes-Schmid-Idee: Irgendwann hat er einen Aufruf in der Schweiz gemacht, alte Instrumente zu spenden. Die wurden dann zu Dutzenden oder gar Hunderten bei Musik Hug instand gestellt und per Containerfracht nach Kambodscha verschifft. Jetzt stehen dort Flügel, Pauken und vieles mehr. Die Kinder studieren gerade ein Musical ein, das zur Eröffnung einer weiteren Schule aufgeführt werden soll. Den schönsten Satz, den ich auf dem Campus gehört habe, war: «Diese Kinder werden einmal ein besseres Leben haben.»

Handarbeit: Hannes Schmid und Tanja Grandits in einer der Werkstätten des Campus.

Zehn Tage in Kambodscha: unterwegs in einem der ärmsten Länder der Welt.
Haben Sie eine Ahnung davon bekommen, was es für diese Kinder heisst, in Kambodscha aufzuwachsen?
Wir sind auch viel umhergereist, ich habe einiges gesehen, was mich beeindruckt, aber auch erschüttert hat. Mir wurde gesagt, dass in Kambodscha Mädchen bis heute verkauft und verheiratet werden. Oft bekommen sie ihr erstes Kind mit 16. Die anderen arbeiten in riesigen Fabriken, wo sie für Hungerlöhne Turnschuhe oder Jeans produzieren.
Was bleibt Ihnen von dieser besonderen Reise?
Neben den vielen prägenden Eindrücken hat mich die Erkenntnis fast umgehauen, dass letztlich ein Mensch alleine – in diesem Falle Hannes Schmid – so viel verändern kann. Hannes hat Tausenden von Menschen geholfen und ihr Leben besser gemacht. Ich sage deshalb jedem, der es hören will – und auch allen, die es nicht hören wollen –, wie unglaublich toll dieser Ort ist.

Sein grösstes Kunstwerk: Primarschule auf dem Smiling-Gecko-Campus von Gründer Hannes Schmid in Kambodscha.
>> Smiling Gecko ist eine Non-Profit-Organisation, die von dem Schweizer Fotografen Hannes Schmid gegründet wurde. Der 1946 in Zürich geborene Künstler wurde weltbekannt mit Fotos von Bands wie den Rolling Stones, AC/DC oder ABBA und schuf ikonische Kampagnen wie den Marlboro Man. Seine Bilder prägten Jahrzehnte die Werbe- und Modefotografie. 2012 veränderte eine Reise nach Kambodscha sein Leben radikal. Erschüttert von den Slums bei Phnom Penh sowie einer Begegnung mit einem missbrauchten Mädchen, verkaufte Schmid Teile seiner Werke, investierte sein Vermögen und gründete die NGO Smiling Gecko. Auf rund 150 Hektar Land steht heute ein Campus mit Schule, Bio-Farm, Fischzucht, Metzgerei, Schreinerei und Ausbildungsstätten. Kinder und Jugendliche erhalten Bildung, Berufsausbildung und eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Das integrierte Farmhouse Resort & Spa finanziert teilweise die Projekte und schafft Arbeitsplätze. Schmid selbst arbeitet ehrenamtlich und sieht das Projekt als sein grösstes Kunstwerk – ein Modell für würdevolles, nachhaltiges Leben in einem der ärmsten Länder der Welt.

