«Wie macht er das?» Wenn man sich über die weltweiten Tätigkeiten des britischen Starchefs Gordon Ramsay einen Überblick verschafft, kommt mit ziemlicher Sicherheit die Frage auf: «Wie macht er das?» In der neuen Netflix-Serie «Being Gordon Ramsay» erhält der Zuschauer – zumindest teilweise – eine Antwort darauf. Zuerst aber kurz die wichtigsten Fakten: Der 60-Jährige Ramsay betreibt vom 3-Sterne-Restaurant bis zum Burger-Lokal rund 100 gastronomische Betriebe weltweit mit über 2000 Angestellten. Dazu ist der gebürtige Schotte auch noch ein Medienphänomen mit knapp 20 Millionen Instagram-Follower und erfolgreichen TV-Shows.

Gordon Ramsays ambitioniertestes Projekt: 22 Bishopgate in London mit vier Restaurants plus Kochschule.
Ramsay aus nächster Nähe. In der Netflix-Dokumentation erlebt der Zuschauer Gordon Ramsay aus nächster Nähe – zu Hause mit der Familie, unterwegs von den Philippinen über Las Vegas bis Miami und immer wieder in London: Der rote Faden der sechsteiligen Serie ist die Neueröffnung von 22 Bishopsgate, dem höchsten Gebäude im Zentrum von London. Die Ramsay Group betreibt auf der 59. und 60. Etage gleich vier verschiedene Restaurants sowie eine Kochschule, die Investitionssumme beläuft sich auf 20 Millionen Pfund – ein ziemliches unternehmerisches Risiko. Und selbst das Familienleben lässt sich in erstaunlichen Zahlen ausdrücken: sechs gemeinsame Kinder im Alter von 3 bis 28 Jahren, seit 1996 ist Gordon Ramsey mit seiner Frau Tana verheiratet.

Familienmensch: Tilly Ramsay und Vater Gordon beim Schälen von Orangen in der heimischen Küche.

Zurück von einem Business-Trip: Gordon Ramsay wird vom zweitjüngsten Sohn Oscar (6) begrüsst.
Im Laufschritt durchs Leben. Kein Wunder wird man als Zuschauer von einer gewissen Atemlosigkeit erfasst und kann nicht anders, als gebannt hinzuschauen, wenn Ramsay gewissermassen im Laufschritt durch sein eigenes Berufs- und Privatleben eilt. Er schwimmt mit einem Privattrainer und spricht über die Wichtigkeit körperlicher Fitness, macht Käsetoast mit einer seiner erwachsenen Töchter, testet neue Kreationen und findet die Schwäche eines Gerichts mit der Präzision eines Ziellasers oder motiviert Mitarbeiter mit einem freundlichen «Fucking Hell!».

Eine Frau, sechs gemeinsame Kinder: Tana und Gordon Ramsay während eines Interviews in «Being Gordon Ramsay».
Ein Schweizer bei Ramsay. Einer, der Ramsay beruflich begegnet ist, ist Fabrizio Zanetti, heute Executive Chef im Swiss Deluxe Hotel Suvretta House in St. Moritz. Vor rund 20 Jahren war er Sous-Chef im Savoy Grill in London, den Ramsay bis heute betreibt. «Ich hatte das Vergnügen, ihn einige Male live zu erleben», sagt Zanetti. Ramsay sei damals noch omnipräsent in der Küche gewesen. «Er hatte auch mal eine Brandwunde und war eben ein richtiger Koch mit klassischer Ausbildung», so Zanetti. Das habe ihm eine hohe Glaubwürdigkeit als Chef verliehen und sich auch in den Qualitätsanforderungen ausgedrückt: «Ravioli musste ich täglich frisch machen, man durfte nicht für den nächsten Tag vorproduzieren. Und weil die 50 Stück meistens am Morgen schon verkauft waren, habe ich am Nachmittag nochmals Ravioli hergestellt», erzählt der Bündner Koch. Als einer der Erfolgsfaktoren sieht Zanetti, dass Gordon Ramsay Leute an seiner Seite habe, die es ebenso genau nehmen wie er selbst.

Täglich frische Ravioli: Fabrizio Zanetti hat für Gordon Ramsay gearbeitet.

Unbedingte Hingabe und Disziplin: Gordon Ramsay in Las Vegas.
Seit 25 Jahren drei Sterne. In «Being Gordon Ramsay» erhält man eine Ahnung davon, was den kochenden Unternehmer so erfolgreich macht. Begonnen bei hervorragenden Lehrern wie etwa Marco Pierre White, der 1994 als erster Brite überhaupt mit drei Sternen im «Guide Michelin» ausgezeichnet wurde. Anders als White, der sich 1999 aus der Spitzenküche verabschiedete, hat Gordon Ramsay in seinem Flaggschiff-Restaurant in London seit 2001 durchgehend drei Sterne. Erfolg könne man nicht kaufen, sagt er an einer Stelle der Dokumentation. «Man muss seinen Arsch hochkriegen und dafür arbeiten», fügt Ramsey an. Das tut er offensichtlich fast pausenlos, ausserdem hat er ein sehr guten Fördersystem für Talente etabliert. Der Einsatz Gordon Ramsays für seine Geschäfte ist schier unendlich, von seinen Leuten verlangt er ebenso viel Hingabe.

Auf der Baustelle: Tana und Gordon Ramsay während der Entstehungsphase von 22 Bishopsgate.
TV-Shows & Influencer. Um diese Art von globaler Superstar-Präsenz zu erreichen, braucht es allerdings mehr als das. Gordon Ramsay ist offensichtlich auch ein hervorragender Vermarkter seiner eigenen Persönlichkeit – schon früh hat er den Spagat zwischen Spitzenküche und Fernsehkoch gewagt, Sendungen wie «Hell’s Kitchen» haben längst Kult-Status. Die Netflix-Dokumentation, für die Ramsay die Kameras sehr nah an sich herangelassen hat, ist letztlich nichts anderes als ein gigantischer (und gut gemachter) Werbeblock für 22 Bishopgate, wo auf Grund der enormen Investition 500'000 Pfund Umsatz pro Woche notwendig sind, um in der Finanzabteilung keine Unruhe auszulösen. Geschickt spielt Ramsay mit dem medialen Werkzeugkasten: Während er klassische Restaurantkritiker eher reserviert begegnet, hat er längst erkannt, dass Food-Influencer heute jene Leute sind, die Restaurants füllen können und behandelt sie deshalb sehr zuvorkommend.
Fazit: Es sind naturgemäss viele Faktoren, die einen Koch wie Gordon Ramsay als globalen Gastrounternehmer so weit nach oben bringen. Die enorme Disziplin und der unbändige Willen des Briten, die in der Netflix-Serie zum Ausdruck kommen, sind aber wohl die wichtigste Voraussetzung von allen.
Fotos: Netflix/HO, Rémy Steiner

