Herr Bapst, wenn die neue Herbstkampagne von Swiss Wine ein Wein wäre – was hätten wir im Glas?

Einen charmanten, zugänglichen Wein von hoher Qualität, der Geniesserinnen und Geniesser vor allem emotional anspricht.

Seit Anfang Oktober läuft die bisher grösste Werbeoffensive von Swiss Wine. Was ist das Ziel?

Seit drei Jahren steht uns mehr Geld zur Verfügung. Erstmals stellen wir nicht einzelne Weinregionen in den Vordergrund, sondern die Bedeutung der Schweizer Weinkultur als Ganzes. Die Motive verbinden komplexe Weinbeschreibungen mit prägnanten Begriffen wie «regional», «spritzig» oder «megafein». Der Claim lautet: «Schweizer Wein, für Kenner und alle anderen.» Wir wollen damit nicht zum Trinken aufrufen, sondern erklären, warum man – wenn schon – zu heimischen Tropfen greifen sollte.

Warum braucht eine jahrtausendealte Tradition überhaupt eine Kampagne?

Der Konsum ist insgesamt rückläufig. Wir trinken in der Schweiz jährlich rund 210 Millionen Liter Wein, produzieren selbst aber nur ungefähr 85 Millionen Liter. Für unsere heimischen Weine müsste es auf dem Markt also ausreichend Platz geben – dieses Potenzial gilt es konsequent auszuschöpfen.

Ein häufig gestellter Einwand lautet: «Schweizer Wein ist oft zu teuer.» Was entgegnen Sie am Esstisch?

Ich erkläre, welche realen Kosten in einer Flasche stecken. Ein Hektar Rebberg zu bewirtschaften kostet im Ausland etwa 5’000 Euro, in der Schweiz liegt der Aufwand bei 15’000 bis 35’000 Franken. Dazu gehören faire Löhne. Ich habe letzte Woche bei der Lese einen Erntehelfer getroffen, der zuvor in Frankreich für 9 Euro pro Stunde arbeitete und im staubigen Keller schlafen musste. In der Schweiz bekommt er 23 Franken, eine warme Mahlzeit und eine anständige Unterkunft. Das hat seinen Preis, aber damit ist Schweizer Wein auch jeden Franken wert.

Wo liegt für Konsumenten der konkrete Mehrwert, wenn sie zu heimischen Flaschen greifen?

Es geht um persönliche Werte: Nachhaltigkeit, Pflege der Kulturlandschaft und soziale Verantwortung. Wer drei Franken für einen Importwein zahlt, hat oft keinen schlechten Tropfen im Glas, muss aber wissen, dass der Winzer daran kaum etwas verdient hat und die Umwelt durch lange Transportwege belastet wurde.

Das Gespräch fand in Adrians Weingut im aargauischen Oberflachs statt.

Das Gespräch fand in Adrians Weingut im aargauischen Oberflachs statt.

Anpacken: Swiss-Wine-Chef Pierre-Alain Bapst beim Unterstossen des Tresterhuts.

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Tolle Ernte 2026: Die Beeren sind dieses Jahr besonders geschmackvoll.

Tolle Ernte 2026: Die Beeren sind dieses Jahr besonders geschmackvoll.

Swiss Wine stellt auch den Begriff «Begegnung» in den Fokus. Wie hat sich die soziale Rolle des Weins verändert?

Früher war Wein oft ein Mittel zum Zweck, um zusammenzukommen – heute geht es den Konsumenten primär um den bewussten Genuss. Man trinkt zwei gute Gläser statt einer ganzen Flasche. Dennoch bleibt Wein, davon bin ich überzeugt, ein wichtiger Vernetzer. Als ich im Sommer auf dem Quartierfest in Fribourg mit Gläsern und einer Flasche auf die Neuzugezogenen zuging, hat niemand dazu Nein gesagt. Wein kann gerade in Zeiten von Social Media und digitaler Vereinsamung ein echtes Gegenmittel sein.

Wie bewerten Sie die Rolle der Gastronomie, wenn es um Schweizer Weine geht?

Regionalität ist auf den Tellern gefragt – darum müsste sie eigentlich auch ins Glas finden. Als Bauernsohn verstehe ich zudem die Margengestaltung oft nicht: Während Speisen sehr, sehr knapp kalkuliert werden, werden auf Wein oft massive Aufschläge gepackt.

Wie wollen Sie Wirte und Hoteliers überzeugen, dies zu ändern?

Wir haben gerade eine Partnerschaft mit GastroSuisse vereinbart. Mein Wunsch ist klar: Wenn ein Lokal je vier Rot- und Weissweine im Offenausschank anbietet, sollten mindestens zwei davon aus der Schweiz stammen. Wir können Betriebe zudem mit Werbematerial unterstützen und zeichnen Lokale mit hohem Schweizer Weinanteil auf der Plattform Swiss Wine Gourmet aus. Ich hoffe, dass wir da bald von weiteren Fortschritten berichten können.

Zählt zu GaultMillaus besten 150 Winzern der Schweiz: Gastgeber Adrian Hartmann.

War GaultMillaus «Rookie des Jahres 2023»: Adrian Hartmann.

Auch die Schafe, die in den Reben das Unkraut fressen, wissen halt, was gut ist.

Auch die Schafe, die in den Reben das Unkraut fressen, wissen, was gut ist.

Vorzeige-Wein des Winzers ist definitiv der Pinot Noir «Réserve».

Vorzeige-Wein des Winzers ist definitiv der Pinot Noir «Réserve».

Wir stehen am Ende der Ernte 2026. Welche Stimmung herrscht derzeit in den Schweizer Rebbergen?

Die Stimmung ist angespannt aufgrund der herausfordernden Situation, in der sich die Branche befindet. Nichtsdestotrotz wurde ausserordentlich gesundes Traubengut geerntet, was auf eine Topqualität schliessen lässt. Aufgrund des heissen Sommers rechnen wir mit 20 bis 25 Prozent weniger Quantität. Die gute Nachricht: Da noch Lagerreserven aus dem vergangenen Jahr vorhanden sind, kann die geringere Ernte ausgeglichen werden. Und wer einen Geheimtipp für diesen Jahrgang sucht: Es ist das ideale Jahr, um sich wieder einmal einen Gamay einzuschenken – das sage ich jetzt, weil ich genau diese Sorte geerntet habe.

Immer mehr Winzerinnen prägen die Schweizer Weinlandschaft. Bringen Frauen eine neue Dynamik in die Reben und in die Keller?

Absolut. Es gibt fantastische Beispiele, etwa Catherine Cruchon, die für das Mémoire des Vins Suisses hervorragende Arbeit leistet. Es ist eine sehr positive Entwicklung, dass die alte Winzergarde ihre Weingüter glücklicherweise nicht mehr nur an die Söhne vererbt. Auch wir bei Swiss Wine sind froh, dass viele Frauen bei uns mitarbeiten – so wird die Gesamtbevölkerung einfach besser abgebildet.

Wird diese Entwicklung von Swiss Wine ganz konkret gefördert?

Eine gezielte Förderung würde nicht unseren Gepflogenheiten entsprechen. Wir bevorzugen als Verband weder bestimmte Rebsorten wie Piwis noch spezifische Anbaumethoden wie Bio oder Demeter – und genau so halten wir es beim Geschlecht. Die Vielfalt tut der Branche aber extrem gut. Interessant ist ohnehin das Konsumverhalten: Meine Frau trinkt beispielsweise nicht die gleichen Weine wie ich. Ob Frauen am Ende bevorzugt Tropfen von Winzerinnen bestellen, weiss ich nicht. Vielleicht sollten wir uns mit dieser Frage in Zukunft einmal näher befassen.

Machen die Fassprobe: Pierre-Alain Bapst & Adrian Hartmann.

Machen die Fassprobe: Pierre-Alain Bapst & Adrian Hartmann.

Zum Abschluss: Welcher Schweizer Wein passt perfekt zu einem verregneten Herbsttag – und wie lautet Ihr Trinkspruch für die Zukunft?

Ein Tessiner Merlot bringt verlässlich wieder Sonne ins Glas. Und mein Trinkspruch lautet: «Laisse parler tes valeurs – lass deine Werte sprechen!»

Swiss Wine Kampagne

Eines der zweigeteilten Sujets der aktuellen Swiss-Wine-Kampagne.