Text: Elsbeth Hobmeier | Fotos: Boris Müller

Die Rotweine Lagrein und Vernatsch stehen für das Südtirol. Wie wichtig sind sie international?

Es sind keine «globalen Marken» wie Pinot Noir oder Sangiovese. Ihre Identität ist ihre Stärke. Wer Südtirol verstehen will, kommt nicht an ihnen vorbei. Lagrein als dunkler, strukturierter Rotwein liegt unseren Trinkgewohnheiten näher. Vernatsch ist leiser, transparenter, oft tiefer im Alkoholgehalt; er lebt von Frische und Trinkfluss. Das passt in die heutige Gastronomie, verlangt jedoch Erklärung. Aber Südtirol ist heute mehr als Lagrein und Vernatsch: ein alpines Mosaik aus Höhenlagen, kühlen Nächten und kleinteiligen Terroirs, das erstaunlich präzise Weine hervorbringt, rote wie weisse.

Lagrein hat im Lauf der Jahrhunderte eine Wandlung durchgemacht, vom einfachen Tropfen zum Topwein. Wie schmeckt gute Qualität?

Ein guter Lagrein verbindet drei wichtige Punkte: dunkle Frucht, saftige Frische und reife Tanninstruktur. Typisch sind Aromen von Brombeere, Sauerkirsche oder Zwetschge, dazu florale Noten. Stilistisch kann man Lagrein fruchtbetont und trinkig produzieren, im Edelstahlausbau oder mit Ausbau im Holz für mehr Dichte. Kulinarisch ist Lagrein ein dankbarer Brückenwein: Er trägt Kräftiges wie geschmortes Fleisch, passt aber auch zu Speck, Pilzen oder gereiftem Hartkäse, wenn die Säure stimmt. Und ein guter, kühl servierter Kretzer, so heisst der Rosé aus Lagrein, ist im Sommer ein Geheimtipp.

Kellerei Bozen: Matthias Messner (rechts/Geschäftsführer), Stephan Filippi (links/Chefönologe) Mondovino Geschichte

Weinmagie: CEO Matthias Messner & Önologe Stephan Filippi (v.l.) in der Kellerei Bozen.

Bekannt war einst auch Kalterersee, wenn auch als billige Literqualität. Wie steht es heute um ihn?

Kalterersee galt lange als ein Wein mit viel Menge und wenig Anspruch. Heute sehe ich eine klare Gegenbewegung. Ein qualitativ ernst gemeinter Kalterersee ist meist ein Vernatsch und lebt von Leichtigkeit, Duftigkeit und einer herben, animierenden Frische. Wichtiger als maximale Konzentration sind Ertragsbeschränkungen und der Mut, den Wein nicht zu «frisieren», also wenig Extraktion, präzise Vergärung und nicht zu viel Holz. Eher kühl serviert, wird so aus dem einst belächelten Literwein ein moderner Roter im «Chillable Red»-Spektrum.

Südtirol hat auch einen Namen punkto grosse Weissweine, oder?

Es hat seine Logik, dass von dort grosse Weissweine kommen: Höhenlagen, grosse Tag-Nacht-Temperatuunterschiede und unterschiedliche Terroirs bringen Aromapräzision und Säurespannung. Im Vordergrund stehen für mich Pinot Bianco, der alpine, kräuterige Sauvignon Blanc sowie der oft sehr gute Chardonnay, der Pinot Grigio mit Substanz und der Kerner als zukunftsträchtiger Geheimtipp. Am besten sind oft nicht die lauten Weine, sondern diejenigen, die Herkunft zeigen – mit salziger Mineralik, klarer Frucht und straffer Textur.

Auch Gewürztraminer wird gern angebaut. Findet dieser Wein Anklang?

Gewürztraminer ist eine Rebsorte, die polarisieren darf. Wer ihn liebt, liebt ihn wirklich, wer ihn nicht mag, findet ihn zu parfümiert und zu breit. In der Praxis sehe ich, dass er genau wegen seines starken Charakters Anklang. findet. Die Rebsorte steht für einen vollen körper und sehr intensive Aromatik, also Rosenblüte, Litschi, exotische Früchte, feine Gewürze. In Südtirol gilt der Wein als regionale Spezialität und Tramin als Heimat der Sorte. Oft sind sie trockener und straffer als erwartet.

Kellerei Bozen: Matthias Messner (links/Geschäftsführer), Stephan Filippi (rechts/Chefönologe), Giulia Gema (Marketing) Mondovino Geschichte

Bekannt ist die Kellerei Bozen auch für die Architektur des Kellereigebäudes: Matthias Messner, Stephan Filippi & Giulia Gema.

Schwenken wir ins benachbarte Veneto: Hier ist der Prosecco Trumpf. Worauf muss man beim Kauf achten?

Es lohnt sich, drei Dinge im Blick zu haben: Herkunft, Süssegrad und Verkaufsort. Bei der Herkunft achte ich auf DOC oder DOCG. Wer mehr Herkunftsprofil sucht, greift zu Prosecco Superiore DOCG. Bei der Angabe des Süssegrades ist Prosecco etwas unlogisch. «Extra dry» und «Dry» sind süsser als «Brut».

Und warum sollte man auf den Anbieter schauen?

Prosecco lebt von Primärfrucht und Spannkraft – je frischer abgefüllt und weniger gelagert, desto besser ist er.  Es lohnt sich daher, Prosecco bei einem umsatzstarken Detailhändler wie Coop zu kaufen.

Wie findet man Qualität?

Gute DOCG-Bereiche zeichnen sich durch steilere Lagen, differenzierte Mikroklimata und verwurzelte Produzenten aus. Noch spannender wird es beim Hinweis auf einzelne Lagen, auch «Rive» genannt. Guter Prosecco hat eine feine Perlage und eine saftige Frucht, ist straff und nicht klebrig. Auch ein süsserer Stil kann jedoch hochwertig sein, wenn die Säure dagegenhält; ohne Spannung wirkt Prosecco schnell banal. Ein gutes Zeichen sind präzise Aromen ohne oxidative oder «bonbon-artige» Noten.

Wann kommt Prosecco ins Glas?

Prosecco ist grossartig, wenn Leichtigkeit gefragt ist. Also zum Apéro und für unkomplizierte Runden. Er passt zu salzigen Kleinigkeiten, frittierten Snacks oder leichten Vorspeisen. Wenn das Essen komplexer ist oder der Wein den Abend tragen soll, greift man eher zu einem klassisch vergorenen Schaumwein wie Champagner oder Franciacorta mit mehr Struktur und Länge.

 

>> >> Jan Schwarzenbach ist ein ausgebildeter Winzer und Master of Wine. Bei Coop Mondovino ist er für die Auswahl und Bewertung der Weine verantwortlich. www.mondovino.ch