Text: Elsbeth Hobmeier

Jan Schwarzenbach, Sie zählen heute zu den besten Weinkennern der Schweiz. Wie sind Sie als junger Mann auf den Wein gekommen?

Ich bin über mein Umfeld zum Wein gekommen, also über meine Eltern, aber auch über Kollegen. Bei uns zu Hause gehörte am Wochenende ein Glas Rotwein dazu. Als Jugendlicher fand ich dieses typische Erwachsenengetränk natürlich faszinierend. Als ich dann volljährig wurde und selbst wählen durfte, blieb die Begeisterung eher verhalten; besonders gut schmeckte mir der Wein damals nicht. Trotzdem liess mich das Thema nicht los. Ich entschied mich, Agronomie und Önologie zu studieren. Ich habe in dieser Zeit meinen Gaumen geschult, meinen Geschmack entwickelt und natürlich in Rebbergen und in Kellereien gearbeitet. So kamen viele prägende Erlebnisse im Zusammenhang mit Wein dazu, und daraus entstanden echte Freude und Leidenschaft.

Die Weinwirtschaft sorgt sich: Junge Leute trinken weniger Wein. Stimmt das mit Ihren Beobachtungen überein?

Ja, das ist durchaus so. Junge Menschen trinken heute oft bewusster, gezielter und insgesamt auch weniger Alkohol als zu früheren Zeiten. Aber ich sehe dies auch als Chance: Wenn Wein gewählt wird, dann sehr bewusst. Das heisst, er muss überzeugen und zur eigenen Lebenswelt passen. Junge suchen Authentizität, Stil und Glaubwürdigkeit. Wenn ein Wein zugleich unkompliziert daherkommt, kann er sie sehr wohl begeistern. Die Young-Poets-Weine von Mondovino sind für mich ein gutes Beispiel dafür, dass man Schweizer Wein modern und relevant inszenieren kann.

Der Einstieg müsse einfacher sein, hört man. Was heisst «einfacher»?

Viele Menschen schrecken vor Wein zurück, weil das Sortiment und oft auch die Sprache und die Weinexperten etwas angestaubt und kompliziert wirken. Zu viele Fachbegriffe, zu viele Regeln, zu viel Ehrfurcht. Ein guter Einstieg gelingt deshalb nicht über Theorie, sondern über Genuss und Neugier. Man muss nicht alles wissen, um Freude an Wein zu haben. Wichtig ist, dass ein Wein auf Anhieb anspricht und nicht überfordert. Frische, Klarheit, eine gewisse Leichtigkeit und ein sympathischer Auftritt helfen dabei.

Sie keltert den «MRLO» für Young Poets: Winzerin Dalila Gualeri.

Sie keltert den «MRLO» für Young Poets: Winzerin Dalila Gualeri.

«Oh là là CHSSLA»

Sie produziert den «Oh là là CHSSLA»: Winzerin Catherine Cruchon.

Spricht ein junges Publikum besonders auf junge Winzerinnen und Winzer an?

Ja, davon bin ich überzeugt. Junge Menschen interessieren sich stark für das, was hinter einem Produkt steht. Es geht nicht nur um den Wein, sondern auch um die Menschen, die Haltung und die Geschichte dahinter. Junge Winzerinnen und Winzer bringen oft eine neue Offenheit, eine moderne Sprache und eine andere Nähe mit. Das wirkt glaubwürdig und schafft Identifikation.

Erlebnisse schaffen, lautet die Zauberformel. Welche Rebsorte, welcher Wein könnte ein besonderes Erlebnis bieten?

Aus meiner Sicht geschieht dies nicht in erster Linie durch eine Rebsorte oder eine Herkunft. Was Menschen wirklich in Erinnerung bleibt, ist viel öfter die Geschichte hinter dem Wein, die Persönlichkeit der Winzerin oder des Winzers, der Moment, in dem man ihn getrunken hat, etwa in den Ferien, in denen man diesen Geschmack zum ersten Mal erlebt hat. Auch der Auftritt eines Weins, seine Sprache, seine Wirkung, spielt eine grosse Rolle.

Gibt es eine Weinregion in der Schweiz, die besonders «jung» wirkt?

Eine Weinregion wird dann als jung empfunden, wenn die Winzer neugierig bleiben, neue Zugänge schaffen und Wein immer wieder neu denken. Aus meiner Sicht wirken heute Graubünden und Teile der Deutschschweiz, etwa Zürich, besonders dynamisch. Dort sieht man viel Bewegung, spannende junge Persönlichkeiten und einen zeitgemässen Qualitätsanspruch. Gleichzeitig zeigen aber auch die Waadt und das Wallis, wie stark eine Weinregion sein kann, wenn sie ihre Tradition nicht nur verwaltet, sondern offen weiterentwickelt.

 

Fotos: Christopher Kuhn / HO