Fotos: Erna Drion
Wer wagt, gewinnt. Zweierstrasse 114: Diese Adresse galt in der Zürcher Gastronomie einst als schwieriger Ort. Mehrere Betreiber zogen nach kurzer Zeit wieder aus. Seit Zizi Hattab im Häuschen mit der orangen Fassade wirtet, läuft es aber wie geschmiert. Das Wagnis, an einer Quartierstrasse in Wiedikon ein veganes Restaurant zu eröffnen, hat sich auf ganzer Linie ausbezahlt. Für die umtriebige Kochkünstlerin – und für die Gäste, die ausserhalb der «Kle»-Mauern in der überwiegenden Mehrheit keinen veganen Lifestyle pflegen. Zizi ist in der Zürcher Gastro-Szene längst ein Star, dabei aber wohltuend bescheiden geblieben. Ihren Ruhm teilt sie gern mit Küchenchef Alessandro Scaccia, den sie schon aus der gemeinsamen Zeit bei Andreas Caminada auf Schloss Schauenstein kennt.

Die liebevoll gedeckten Holztische kommen ohne weisse Tischdecken aus.

Eine kulinarische Umarmung zum Start: «Pillow Bread» mit verschiedenen Dips.
Besteck? Erst einmal sind die Hände dran! Bis man im «Kle» das erste Mal Besteck zu sehen bekommt, dauert es ein wenig. Die beiden ersten Etappen des Menüs absolviert man mit den Händen. Zunächst gibt’s einen Klassiker des Hauses: «Pillow Bread», zu deutsch Kissenbrot. «Weil es so luftig und weich ist wie ein Kissen», erklärt die freundliche Dame im Service. Gebacken wird besagtes Brot in der Pfanne, serviert mit dreierlei Dips – dem besten Hummus der Stadt (mit der perfekten Menge Tahini und der marokkanischen Gewürzmischung Ras el-Hanut), fruchtig-scharfer Koshu-Mayo und «Savory Nutella», einer umamireichen braunen Paste auf Basis von schwarzem Knoblauch, Miso und Haselnuss. Es folgen eine knusprige Tostada mit leicht rauchiger Tofu-Mandel-Paste, karamellisierten Zwiebeln und Apfel (gebacken und gepickelt) sowie ein Apfel-Mais-Beignet, beides mit Gingerbread-Gewürz verfeinert. Beste Unterhaltung für den Gaumen!

Zwei, die sich verstehen: Zizi Hattab und ihr Küchenchef Alessandro Scaccia, der seit der Eröffnung im Januar 2020 mit dabei ist.
Eine Prise Mexiko. Anders als ihr einstiger Lehrmeister Caminada setzt Zizi Hattab bei ihren Kreationen in erster Linie auf Umami und weniger auf Säure. Fleischtiger müssen also keine Angst haben, ihr Bedürfnis nach geschmacklicher Tiefe nicht stillen zu können. Gleichwohl spielt Säure eine wichtige Rolle im «Kle», frischt die Umami-Gerichte immer wieder auf. Bestes Beispiel: die gehaltvolle Topinambur-Suppe mit geschmortem Topinambur und einem pikanten thailändisch inspirierten Salat, der auf eine Art Taco aus knuspriger Topinamburschale gebettet ist. Tacos und Tostadas bei einer Katalanin mit marokkanischen Wurzeln? Aber ja, Zizi arbeitete einst als Souschefin im mexikanischen Spitzenrestaurant «Cosme» in New York! Das merkt man auch dem leicht karamellisierten Kohlrabi mit Ingwer-Aguachile, Kartoffelcreme und Erdnüssen an.

Hohe Kochkunst à la «Kle»: Leicht karamellisierter Kohlrabi mit Ingwer-Aguachile, Kartoffelcreme und Erdnüssen.
Gemüse mit Herkunft. Ihr Gemüse bezieht Zizi Hattab bei den besten – und nachhaltigsten – Produzenten. Unter anderem bei Slow Grow in Mönchaltorf ZH. Was genau man serviert bekommt, steht nicht auf der Menükarte, wohl aber die «Stars der Saison», sprich eine komplette Zutatenliste. Wer ein Produkt nicht mag, teilt das einfach dem Service mit. Die Küche sucht dann ganz unkompliziert nach einer Alternative. Die Gäste müssen sich nur entscheiden, ob sie vier, fünf oder sechs Gänge essen. Langweilig wird es einem ganz bestimmt nicht. Hier wird auch Weisskohl zu Erlebnis. Zizi confiert ihn und serviert ihn zusammen mit einer Art Rösti aus Albula-Bergkartoffeln, Austernpilzen, katalanischen Gewürzen sowie einem Salat aus Stangen- und Knollensellerie. Dazu gibt es süsslich-erdiges Knollenselleriepüree und eine dunkelrote Sauce aus Rotkohl und Cassis.

So könnte der süsse Abschluss im «Kle» aussehen: Szechuanpfeffer-Shortbread, Gunpowder-Tee-Pulver, Himbeere, karamellisierte weisse Schokolade.
The Place to b. Und was trinkt man im «Kle»? Am besten die klug abgestimmte Begleitung mit oder ohne Alkohol. Es gibt aber auch hausgemachten Kombucha auf Earl-Grey-Basis. Und eine wunderbare Weinkarte mit zahlreichen Highlights aus der Schweiz. Unter anderem vertreten: Martha und Daniel Gantenbein, Hansruedi und Patrick Adank oder Valentina Andrei. In der warmen Jahreszeit dinieren die Gäste auf der Terrasse, die zwar nicht im Grünen liegt, aber durchaus ihren Charme hat. Wer daheim nicht auf Genüsse à la Zizi verzichten möchte, kauft sich ihr Kochbuch «Taste of Love» mit vielen inspirierenden Rezepten. GaultMillau-Rating: 15 Punkte.
Die GaultMillau-Tester stellen im Auftrag der UBS jede Woche einen «Place to b.» vor: Adressen für den gepflegten Businesslunch, für den Brunch am Wochenende, für ein Essen mit Freunden, für Trendsetter & Entdecker, für Verliebte. Bereits erschienene «Tipps der Woche» finden Sie hier.

