Text: Stephan Thomas
Logistisch herausfordernd. Es gibt Investoren und andere Millionäre, die Weingüter sammeln. Winzer finden sich darunter in der Regel nicht. GaultMillaus «Rookie des Jahres» Vincent Graenicher ist da eine Ausnahme: Die Weine, die seinen Namen tragen, kommen von drei verschiedenen Gütern an der waadtländischen Côte. Die Domaine de Penloup in Tartegnin ist seit 1983 in Familienbesitz. Dazu bewirtschaftet Graenicher die Domaine Es Cordelières in Chatagneréaz und die Domaine de Famolens in Mont-sur-Rolle. Manchmal ist das eine logistische Herausforderung, denn Graenicher sieht davon ab, die Produktion an einem einzigen Ort zu konzentrieren.

La Côte: Immer mehr Autorenweine, immer weniger Massenware.
Ideen beim Degustieren! Graenicher hat ein Flair für neue Ideen, so sehr er auch über den Chasselas der Tradition verbunden ist. Viele Gedankenblitze kommen ihm beim Degustieren: «Bei mir zuhause stehen immer viele Flaschen herum. Abends koche ich und verkoste Weine», sagt er. «Macht nichts, wenn einmal eine Flasche nicht leer wird. Man lernt viel beim Degustieren, und ich bin neugierig auf alles.» In der Pipeline ist bei ihm zum ersten Mal auch ein Sauvignon blanc. Da gilt es zu pröbeln, denn Graenicher möchte das gängige Aromaprofil der Sorte vermeiden, das von Thiolen geprägt ist. Zudem hat sich Graenicher im Sortengarten von Louis Bovard in Cully mit alten Chasselas-Klonen eingedeckt: «Sie zeigen eine vergleichsweise hohe Säure und tragen so dazu bei, das Profil dieser Sorte weiter zu diversifizieren.»
Mix im Rebberg. Von Veronica Ortega aus Galicien hat sich Vincent Graenicher zum sogenannten Mischsatz inspirieren lassen. Dabei wachsen Rot- und Weissweintrauben in der gleichen Parzelle und werden zusammen geerntet: «Die Idee dabei ist, Frische und Säure in den Wein zu bekommen.» Zudem wolle er eine «Verdünnung» der Tannine im Rotwein bewirken; sein Mischsatz besteht aus 85 Prozent Rot- und 15 Prozent Weisswein. «Ich war bei der Verkostung der ersten Charge überrascht. Der Wein zeigt einen Stil, der mich anspricht.»
Frisch & finessenreich. Ein Weinjournalist hat Graenichers Weine wie folgt beschrieben: «Generell Weine ohne unnötigen Schnickschnack – präzise vinifiziert, ausgewogen und zugänglich. Lässig trinkig, nicht auf Extrakt ausgelegt, eher schlank im Körper und zugleich bemerkenswert filigran.» Erkennt Graenicher seine Weine in einem solchen Text wieder? «Das kommt hin», sagt er. «Ich versuche wirklich, auf dieser Schiene zu fahren. Mein Fokus liegt auf Komplexität, Frische und Finesse.»

Nicht nur Holz, sondern auch Ton: Vincent Graenicher geht mit der Zeit.
«Waadtländer Wein wird man immer trinken.» Und die viel beschworene Krise? «Bei den Wiederverkäufern spüre ich eine gewisse Anspannung. Aber ich versuche, nicht passiv zu sein und zusammen mit meinen Partnern Lösungen zu finden.» Der Weinmarkt sei zwar kein Selbstläufer mehr, «aber man wird immer Waadtländer Wein trinken. Da muss man halt schauen, dass man auf dem richtigen Gleis fährt.»
Herzensangelegenheit. Welchen Wein würde Graenicher aus seiner breiten Palette hervorheben? «Ich bin besonders angetan von meinen vier Chasselas des Jahrgangs 2025. Alle drücken deutlich ihr Terroir aus.» Ihr Stil sei geprägt vom biologischen Anbau, der ihnen Leben und Persönlichkeit verleihe. Vincent Graenicher sagt: «Wir lesen von Hand in kleine Kistchen. Da ist Herzblut drin.»
Fotos: HO
