Bei vielen Schweizer Bauern haben die Kartoffeln wegen grosser Hitze gelitten. Wie sieht es bei Ihren Bergkartoffeln aus, Marcel Heinrich?

Denen geht es gut, auch wenn es ein anspruchsvolles Jahr mit viel Arbeit war. Im Frühling war es sehr kalt und es herrschte Bise, da mussten wir die Kartoffeln teilweise abdecken. Später kam Trockenheit ins Spiel, so dass wir bewässern mussten. Eine Zeit lang lief es danach ruhig, bis auch bei uns im Albulatal die heissen Temperaturen von bis zu 36 Grad zuschlugen. Die Kartoffeln in der obersten Schicht hat es teilweise gekocht.

Hatten Sie grosse Ausfälle?

Im Vergleich zum Baselbiet oder dem Jura sieht es gut aus. Wir haben zwar Einbussen, aber ich kann diese noch nicht genau beziffern, da wir noch nicht sortiert haben.

Spielte bei dieser extremen Hitze auch die Beschaffenheit Ihrer Bergfelder eine Rolle?

Es sind steinige Böden, die wir bearbeiten. Das hat in normalen Jahren den grossen Vorteil, dass sie schnell warm werden – und wir die Kartoffeln schon sehr früh stecken können. Dieses Jahr waren die warmen Böden aber eben eher ein Nachteil.

Dauert es im Albulatal auch 100 Tage, bis die Kartoffeln erntereif sind?

Diese Faustregel für die Zeit von Saat bis zur Ernte gilt auch bei uns. Wir versuchen jeweils möglichst früh zu beginnen, damit wir im Herbst rechtzeitig ernten können.

Wie gross sind bei Bergkartoffeln generell die Unterschiede zwischen den Jahrgängen?

Wichtig ist bei unseren Äckern, dass wir die Fruchtfolge einhalten. Das führt dazu, dass die Kartoffeln jedes Jahr in anderen Böden wachsen – das macht aromatisch den wohl grössten Unterschied aus.

GMC Jelmoli Zürich, Kartoffeln, Bergkartoffeln aus dem Albulatal, Freddy Christandl

Bergkartoffel ist nicht gleich Bergkartoffel – bei Marcel Heinrich gehört Vielfalt zum Konzept.

Auch Ihr Sortenreichtum macht Sie beliebt bei den Starchefs wie Andreas Caminada. Warum diese Vielfalt?

Sie ist eine Risikoabsicherung. Wie die Indios arbeiten wir bewusst mit verschiedenen Sorten – manche Kartoffeln kommen gut mit Hitze klar, andere mit Feuchtigkeit. Das bringt uns zwar keine extremen Rekordjahre, aber wir sind so gefeit gegen Totalausfall in schlechten Saisons.

Sie haben Ihre Anbaufläche verkleinert trotz der hohen Nachfrage in der gehobenen Gastronomie.

Tatsächlich, wir haben zeitweise fast viereinhalb Hektar Kartoffeln angebaut, inzwischen sind es drei Hektar. Kartoffeln zu produzieren ist anstrengend – und ich bin auch schon 54-jährig. Mir fehlt da ehrlich gesagt das kapitalistische Denken ein wenig.

Essen Sie selbst auch mal bei den Starchefs?

Ich habe das Glück, dass wir hin und wieder eingeladen werden. Bei James Baron oder Nenad Mlinarevic waren wir schon – das geniessen wir dann richtig, denn die kochen sehr gut. Mit Hansjörg Ladurner, der ja selber Bergkartoffeln anbaut, tauschen wir uns regelmässig aus.

Was raten Sie Ihren Kollegen im Tal für die Zukunft? Es dürfte ja nicht der einzige heisse Sommer bleiben…

Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Wir setzen bei den Bergkartoffeln vermehrt auf Agroforst, pflanzen also Bäume zwischen die Kartoffeläcker. Die 200 Stück, die wir in den letzten Jahren gesetzt haben, zeigen immerhin Wirkung und wir hatten eine zufriedenstellende Ernte. Das funktioniert in normalen Jahren – aber zurzeit ist die Erwärmung schneller, als die Bäume wachsen.

 

Fotos: Lucia Hunziker, Christopher Kuhn