«Das habe ich wirklich nicht erwartet.» Was für ein Tag für die erfolgreichste Köchin der Welt. Frankreich ehrte sie im Elysée als «Officier de la Légion d’Honneurs», das «Beau-Rivage Palace» in Lausanne beendete nach 17 Jahren die Zusammenarbeit. «Das habe ich wirklich nicht erwartet. Man kann sich trennen», sagt «la cheffe», «aber man sollte das mit Respekt und Eleganz tun.» Anne-Sophie Pic ist verletzt. Sie sagt, wie es mit ihrem Chef Jordan Theurillat weitergeht. Und könnte sich gut vorstellen, in der Schweiz wieder ein Restaurant zu eröffnen.
Sie sind sehr enttäuscht, verletzt. Hat Sie der Entscheid des Beau-Rivage Palace überrascht?
Man kann sich immer trennen im Leben. Aber nicht so. Ich habe die Entscheidung erst erfahren, kurz bevor die Mitarbeiter orientiert wurden. Das gehört sich eigentlich nicht bei einer so langjährigen Beziehung. Man sollte mit Eleganz und Respekt miteinander umgehen, bis zum Schluss.
Sie haben 17 Jahre in Lausanne gearbeitet. Spürten Sie Ermüdungserscheinungen?
Im Gegenteil. Wir waren voller positiver Energie, dynamisch unterwegs. Wir wollten erreichen, was wir in Valence bereits erreicht haben: den dritten Stern.

Officier de la Légion d'Honneur: Anne-Sophie Pic mit Staatspräsident Emmanuel Macron und ihrem Ehemann David Sinapian, der in der Groupe Pic die Fäden zieht.
Eigentlich hatten Sie gestern trotz allem Ärger Grund zum Feiern. Der französische Staatspräsident hat Sie im Elysée in Paris als «Officier de la Légion d’Honneurs» ausgezeichnet.
Ein sehr berührender Moment. Mitglied der Ehrenlegion bin ich seit Jahren, jetzt erfolgte gewissermassen die Beförderung zum Offizier, zusammen mit Alain Ducasse und Guy Savoy. Meine Familie und meine Freunde waren bei dieser Auszeichnungsfeier dabei.
Das «Beau-Rivage» will den Chef im Haus, kein Management aus der Ferne.
Das kann man so entscheiden. Aber ob das wirklich besser ist? Ein Chef auf diesem Niveau ist immer unter Druck, kann sich nie für einen Moment zurücklehnen und beobachten, welche Trends gerade wichtig sind in unserem Metier. Wir konnten diese Unterstützung bieten. Wir haben nicht nur den Chef gefördert, sondern auch die Pâtisserie, den Service. Es gibt wenig Organisationen, die sich so viel Zeit nehmen für ihre Equipen. Wir haben in Lausanne unser Herz, unsere Seele gelassen und uns auch beim Umbau des Restaurants voll engagiert. Auch deshalb ist die Entscheidung brutal. Aber ich wünsche dem Beau-Rivage mit einem «Chef dans les murs» viel Erfolg.

«Ich vertraue ihm und er mir.» Jordan Theurillat bleibt im Team Anne-Sophie Pic.
Jordan Theurillat ist das grosse Opfer in dieser Geschichte.
Jordan arbeitet seit zwölf Jahren für mich, davon sechs in Lausanne. Ein sehr guter Koch. Er hat mein Vertrauen und ich seines. Jordan wird bei uns bleiben, wir haben ja in der Gruppe noch einige Projekte auf Lager. Er war bei mir in Valence, als wir erfahren haben, dass das Beau-Rivage den Vertrag nicht mehr verlängern will. Das war auch für ihn ein Schock.
Im Hospitality-Business geht’s nicht nur um Sterne und Punkte. Es geht auch um Franken und Rappen. Ist die Rechnung in Lausanne aufgegangen?
Wir haben drei schwierige Monate hinter uns, wie immer, wenn Krieg ist auf der Welt. Aber ich zweifle eigentlich nicht daran: Wir werden wieder ein gutes Jahr haben. Ganz wichtig: «Pic» Lausanne ist rentabel. Das können nur wenige Fine-Dining-Restaurants von sich behaupten. Wer viel Geld verdienen will in der Gastronomie, sollte ein Bistrot eröffnen.
Sie hängen an der Schweiz.
Ich habe meine Verwandten hier und werde sie weiterhin besuchen. Ich habe in all den Jahren auch freundschaftliche Beziehungen zu lokalen Produzenten aufgebaut. Sie haben mir gestern viele sehr nette Mails geschrieben. Ich werde mit ihnen weiter eng zusammenarbeiten.
Ein neues Restaurant «Pic» in der Schweiz ist ein Thema?
Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass die Zusammenarbeit in Lausanne zu Ende geht. Aber klar: Ich trage die Schweiz im Herzen. Ergibt sich eine neue Möglichkeit, bin ich sofort dabei.
Fotos: Beau-Rivage Palace, Mike Wolf, HO

