Text: Anita Lehmeier I Fotos: David Birri

Lage, Lage, Lage! Die meisten Touristen, die die offenen Waggons der historischen Zahnradbahn in Wilderswil nahe Interlaken besteigen, fahren die sieben steilen Kilometer durch bis zur Schynige Platte. Hier auf knapp 2000 Metern wartet die weltberühmte Aussicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Die Durchreisenden verpassen auf halber Strecke allerdings viel Sehenswertes: die hübsche Mittelstation Breitlauenen mit dem antiken Interieur, das reizende Bistro mit den famosen Käseschnitten und vor allem einen Aussichtspunkt, den man ganz allein geniessen kann und nicht mit Heerscharen von Touristen teilen muss. Bild oben: Andreas und Marisa Feuz mit Sohn Niklaus und Hund Turbo.

Niklaus Feuz mit Lehrerin Käthi Maag Alp Breitlauenen, Schynige Platte, BE

Während der Alpzeit erhält Niklaus Feuz Einzelunterricht. Alles analog, die Alp ist stromfrei! Lehrerin Käthi Maag packt auch in Stall & Küche mit an.

Wie zu Hodlers Zeiten. Ein paar Schritte von der Haltestelle Breitlauenen auf 1545 Metern über dem Alltag ist die Stelle markiert, wo Ferdinand Hodler vor 120 Jahren märchenhafte Ausblicke ins Tal auf Leinwand verewigte. Die beiden Gemälde, eines mit dem Thunersee, eines mit dem Brienzersee, sind heute in Privatbesitz, für die Allgemeinheit unsichtbar. Der Live-Ausblick von der kleinen Natur-Terrasse auf Seen, Gipfel und Himmel steht allen offen, die auf Breitlauenen Halt machen.
 

Familie Feuz. Mit Lehrerin für Kläusi. Zweihundert Meter neben der Bahnstation treffen Besucher auf die Alpkäserei der Familie Feuz aus Gsteigwiler. Andreas und Marisa Feuz sind seit mehreren Sommern hier oben mit ihrem Sohn Niklaus, 12, dem Fast-Familienmitglied Heini Pfister, einem Ferien-Bub im Freiwilligeneinsatz und der Lehrerin Käthi Maag aus dem Kanton Zürich; sie unterrichtet Niklaus während der Alpzeit. Jeden Morgen gibt’s im Homeschooling Lektionen in allen Fächern, ausser Turnen und dem Fach NMG (Natur-Mensch-Umwelt). «Bewegung, Natur und Umwelt hat Kläusi hier genug», meint die Pädagogin und langjährige Alp-Helferin schmunzelnd.
 

Alp Breitlauenen, Schynige Platte, BE

Die historische Bahn auf die Schynige Platte...

Alp Breitlauenen, Schynige Platte, BE

...hält in der Station Breitlauenen.

Alp Breitlauenen, Schynige Platte, BE

Auslauf und Aussicht für die Molkensäuli.

Kein Strom, keine Zufahrt. Das kleine, bienenfleissige Team hütet 40 Kühe in den Sommerferien plus dem Hausmuni Huldi. Zum Hof und quasi zur Familie gehören ausserdem 18 Alpsäuli, 32 Rinder, drei Pferde, die Hirthunde Turbo und Caruso und eine kleine Hühnerschar. Das Haus der Bergschaft Breitlauenen, 1984 errichtet, hat zwei Besonderheiten, die das eh schon harte Handwerk des Alpkäsens zusätzlich erschweren: das Haus verfügt weder über Strom noch eine Zufahrt. Nur zum Melken kommt ein Generator zum Einsatz, für die Melkmaschinen. Alles andere ist Handwerk und Muskelkraft.
 

«Licht und TV brauchen wir nicht.» Nach Sonnenuntergang fallen wir alle sofort ins Bett, weil wir schon mit der Sonne aufgestanden sind», erklärt Marisa Feuz, wie man ohne Strom und Licht so lebt. «Und wir laufen im Frühsommer mit den Tieren hoch und im Spätsommer wieder runter», erzählt Andreas Resel Feuz. Sie selbst fahren per Bähnli runter ins Tal, wenn es denn nötig ist. «Ich vermeide, wenn möglich während unserer rund 110 Alptagen runterzugehen», betont Feuz. «Es ist eine raue, stotzige Alp, ohne Anschluss an die Welt. Aber genau das mag ich so. Am liebsten wäre ich ohne Handy hier, aber zum Gschäftä geht’s auch hier oben nicht ohne», meint der Hausherr mit den markigen Gesichtszügen, die an die Leinwandhelden Jason Clarke und Gerard Butler erinnern. Die Muskeln von Resel aber stammen, anders als die der Hollywoodstars, nicht aus dem Gym, sondern von der harten Arbeit in Feld, Wald, Stall und Käsi.
 

Gemolken, gecheckt, geherzt. Morgens und abends treiben die Älpler die Kühe, die ihr Futter in der Umgebung suchen, in den Stall. Wenn die Herde weit weg ist, folgen die Älpler dem Glockenklang. Bei der Hitze diesen Sommer kamen die Tiere gerne «heim», sie hatten im Stall etwas Ruhe vor den vielen Bremsen und Fliegen. Zum Melken werden alle Hände gebraucht, eine aufwändige Büez, die viel Geduld und Zeit braucht, weil jedes Tier dabei auch gleich gecheckt und geherzt wird. Die Kühe geben zwischen vier und achtzehn Liter Milch täglich, je nach Alter, Rasse und Tagesform. Das mächtige Kupferkessi fasst 800 Liter und wird meist zu drei Viertel voll. Resel Feuz feuert am Morgen den Ofen ein, mit Holz aus den Wäldern der Umgebung. Alle zehn bis zwölf Tage ist Holzhacken angesagt, nicht seine Lieblingsarbeit. Viel lieber ist der Bauer bei den Kühen, auch das Käsen liegt ihm.
 

Fünf Tonnen Käse pro Sommer. Mit viel Fingerspitzengefühl und Muskelkraft stellt Resel täglich sechs bis acht Laibe Alpkäse her. Jeder davon wird mit dem Datum versehen. Der Herstellungstag wird mit Russ vom Kessi, Blechschablonenziffern und einer Zahnbürste auf den Rand aufgetragen. Den Sommer über verarbeitet Feuz um 50'000 Liter Milch, das ergibt rund fünf Tonnen Käse. Die Molke, die beim Käsen anfällt, bekommen die Säuli zu fressen. Sie lieben’s! Gelagert werden die Laibe den Sommer über im eigenen Käsekeller im Gaden. Mit ein paar Luftlöchern in der Mauer konnte Feuz für ein bisschen Zugluft sorgen, der Käse hat nicht gelitten. Später kommen die Laibe in den Reifekeller von Rugenbräu und von da zum Grosshändler. Gerne würden Feuzes ihren Alpkäse direkt an Restaurants und Hotels in der Gegend verkaufen. Dazu fehlt aber nach einem strengen Alptag und einer langen Sommersaison der Schwung. 

Siesta für die Tiere. Diesen Sommer hat die Hitze Mensch und Tier zugesetzt, auch auf 1500 Metern wars wärmer als üblich und das Gras wuchs spärlicher. «Hitze und Trockenheit hatten schon Einfluss auf die Tiere und die Milchmenge. Wir haben weniger Milch verarbeitet. Die Einbussen sind nicht drastisch, aber spürbar. Die Tiere haben wie wir Menschen die Hitze gespürt, wie wir sind sie fauler geworden, haben sich weniger bewegt, sind viel geruht. Mit dem Einstallen über Mittag, einer Art Siesta, haben wir immerhin etwas zu ihrem Wohlbefinden beitragen können.» Mit umsichtiger Weideeinteilung gabs für Kühe und Rinder auch stets genug zu futtern. Und den Rindern, die immer draussen bleiben, hat Feuz bei seinen täglichen Besuchen Insektenschutz auf Rücken und Flanken gesprayt. 
 

9000 Liter Wasser kamen per Heli. Aber erstmals musste man auf Breitlauenen heuer Wasser einfliegen lassen, weil eben kein Weg hier hochführt. In zehn Heliflügen wurden 9000 Liter Wasser hochgebracht, «ohne das wär’s nicht gegangen», sagt Resel Feuz. «Aber wir dürfen und wollen uns nicht beklagen. Andere Bauern im Tal oder in Europa sind viel schlimmer dran. Wir haben hier oben schon ein Stückchen Paradies. Nun bleiben wir so lange wie möglich hier mit den Tieren. Und freuen uns schon auf das nächste Jahr auf der Alp Breitlauenen, egal wie es wettermässig wird.»

>> Den Alpkäse gibt’s in der Bahnstation Breitlauenen zu kaufen, die Familie Feuz freut sich auch über Besucher auf dem Alpbetrieb und der Käsi, am liebsten mit kurzer Anmeldung auf Mobilnummer 079 402 56 01.