Fotos: Christopher Kuhn
Vogelgezwitscher & eine Schlange namens Berta. Das Paradies? Eine Ecke davon lässt sich in Samedan, auf einer Höhe von 1’721 Metern über Meer entdecken, fünf Autominuten von St. Moritz entfernt. Das Team des Hotel Hauser betreibt hier den eindrücklichen «Hauser Garden», wo mitten in idyllischer Alpenlandschaft reihenweise Salate, Erdbeeren, Kohlköpfe, Blumen und Kräuter wachsen. Während der Sommermonate kümmert sich Yael Ehrenberg um die gut 300 Quadratmeter Erde. Eine quirlige Frau, aufgewachsen in Mexiko und England, der die Arbeit in der freien Natur merklich Spass macht. Vogelzwitschern ist zu hören. Pferde grasen direkt nebenan. Sogar eine Schlange habe es im Garten: «Wir haben ihr den Namen ‹Berta› gegeben», sagt die gelernte Agrarwissenschaftlerin und Landschaftsarchitektin.

Quirlige Landschaftsarchitektin, von Mexiko ins Engadin gekommen: Yael Ehrenberg.

Erdbeeren werden auf 1’721 Metern über Meer erst im Juli richtig reif.

Initiator des Projekts «Hauser Garden»: Hannes Mark, Ehemann von Co-Hoteldirektorin Nina Hauser.
Sogar der Italo-Koch liebt die Tomaten. Häufig auch dort anzutreffen ist Hannes Mark, von dem die Idee stammt, einen guten Teil des Gemüses, das in der Küche verwendet wird, selbst zu produzieren. Lohnt sich ein solcher Garten denn fürs Hotel mit Restaurant? «Aus unseren zwei Teilgärten hier in Samedan und in Madulain, zusammen etwa 600 Quadratmeter, können wir während der Sommermonate Produkte ernten, die einen Gegenwert von ungefähr 25’000 Franken haben», sagt Mark. «Es resultiert plus-minus eine runde Null.» Ihnen gehe es nicht zuletzt darum, zu zeigen, was hier mitten in den Bergen, mit einer relativ kurzen Vegetationszeit, die von Ende Mai bis Mitte September dauert, überhaupt möglich sei. «Dank Permakultur wachsen im Hauser Garden über 35 Gemüsearten nach biologischen Grundsätzen, wir ernten zum Beispiel rund 1000 Salatköpfe.» Mit den Salaten habe man 2022 begonnen, später seien Randen und Federkohl dazugekommen. Stolz ist er auch auf die regionalen Tomaten, die ein befreundeter Bauer im tiefer gelegenen Sils im Domleschg fürs Haus anbaut. «Sogar unser italienischer Koch Giovanni Di Ruocco verwendet sie sehr gerne.»

Sind hier besonders knackig und scharf: Der Radieschen des «Hauser Garden».

Es ist unglaublich, was hier in den Bergen aus dem Boden gezogen werden kann.
Dünger? Von den Pferden nebenan. Da Hannes Mark eigentlich als Sportlehrer arbeitet, ist er froh, dass er auf Yael Ehrenberg setzen kann. Sie ist nun seit zwei Jahren dabei und wohnt eigentlich in Zürich, wo sie jeweils die Wochenenden verbringt. Was ist denn das Geheimnis dieses kleinen Gartens Eden? «Ein gesunder Boden ist das Wichtigste», lautet ihre Antwort. Und es lassen sich ihr noch ein paar weitere Dinge entlocken: Da ist einerseits die clevere Bewässerung. Sie hätten einen Bergbach mit Sammelbecken versehen und angezapft. Das Wasser wird mit einer solarstrombetriebenen Pumpe auf die Felder gepumpt. Wichtig sei auch der Einsatz von natürlichem Dünger, teilweise produziert von den Pferden gleich nebenan. Ebenso zentral sind die Blumen rings ums Gemüse: «Sie sorgen für ein Gleichgewicht, ein Mikroklima, das aussergewöhnlich ist.» Kaum zu glauben, dass genau während dieses Gesprächs mit Yael Ehrenberg und Hannes Mark eine Kröte vorbeihüpft und im Dickicht verschwindet.
Zwiebeln schützen vor Schnecken. Beim Besuch in diesem Stück Paradies Anfang Juli ist einiges noch im Wachstum begriffen. «Weil es dieses Jahr im Juni nochmals schneite, sind uns einige Jungpflanzen, die wir im Gewächshaus angezogen haben, auf dem Feld kaputtgegangen», erzählen Mark und Ehrenberg. Der Grossteil der Ernte finde jeweils im Juli und im August statt, nun sei man wieder ziemlich gut unterwegs. Sie freuen sich auf die Gurken, Zucchetti, den Federkohl... Haben sie hier in der heilen Bergwelt denn keine Probleme mit Schnecken? «Wir pflanzen neben den Salatköpfen eben auch Frühlingszwiebeln, das bringt ziemlich viel.»

Der Brotsalat wird dank regionalen, geschmackvollen Tomaten besonders fein.

Sind schon «nachhaltig» erzogen worden: Co-Hotelchefs & Geschwister Nik und Nina Hauser.

Das mediterrane Ragout zu den Gnocchi punktet mit Tomaten, Zucchetti und Basilikum aus dem Garten.
Responsible Hotel, what else? Dass man bei Hausers auf unkonventionelle Ideen, Eigenproduktion und höchste Qualität setzt, hat Tradition. In St. Moritz ist die Familie längst ein Begriff. Seit 1955 betreiben sie die Konditorei in der Dorfmitte, welche neben eindrücklichen Torten auch die wohl besten Nussgipfel weit und breit produziert. Seither existiert auch ein Hotelbetrieb, der heute zu den «Responsible Hotels of Switzerland» gehört. Die Vereinigung versammelt über 30 sozial und ökologisch verantwortungsbewusste Hotels an schönen Orten und von hoher Qualität in der Schweiz. Für Nina Hauser, die den nachhaltigen Hotelbetrieb in St. Moritz seit zehn Jahren in vierter Generation zusammen mit ihrem Bruder Nik Hauser führt, war der Garten der logische nächste Schritt: «Schon meine Eltern haben sich für Nachhaltigkeit eingesetzt.» Sie erwähnt die Wasser-Rückgewinnung im Hotel seit 30 Jahren, die Nutzung der Erdwärme oder die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. «Vater und Mutter waren Pioniere, wir sind auf solche Dinge sensibilisiert seit unserer Kindheit.»
Freitagsmarkt inmitten von St. Moritz. Eines der Ziele, die sie erreicht hätten, so Nina Hauser, sei die Vision eines Hotels, das ganz ohne Öl auskommt. Bis auf den Gäste-Peak zwischen Weihnachten und Neujahr sei das inzwischen Realität. Und wie ist denn die Aufgabenteilung im Hotel Hauser? «Hannes hatte die Idee mit dem Garten, Nik ist ein Detektiv, was regionale Produkte angeht. Und ich spreche darüber, trage unsere Vision hinaus.» Nina erwähnt den jeweils am Freitagmorgen stattfindenden Markt vor der Konditorei. Damit zeige man auch der lokalen Bevölkerung, was auf dieser Höhe alles möglich sei.

Folie und Tropfenbewässerung lassen die Salate stramm und knackig werden.
Projekt Jalapeños. Doch zurück zu Gärtnerin Yael Ehrenberg, die den ganzen Tag im «Hauser Garden» verbringt: «Für mich ist es ein lebendes Labor», sagt sie. Und da gilt es noch einiges auszuprobieren. Was ist denn als nächstes geplant? «Wer weiss, vielleicht versuchen wir es hier auch mal noch mit Reisanbau», sagt sie lachend. «Oder mit Jalapeños!» Und fast ist es, als schwinge in diesem Wort, das sie mit sympathischem spanischen Akzent ausspricht, etwas Heimweh nach Mexiko mit. Es ist also gut möglich, dass sie dieses Projekt schon im nächsten Sommer erfolgreich anpackt.
Responsible Hotels of Switzerland
Die «Responsible Hotels» sind eigenständige, charakterstarke Betriebe an schönen Orten. Sie stehen für ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Sie wollen die Landschaftsqualität für künftige Generationen bewahren. Die Hotels sind Teil der lokalen Gemeinschaft und bieten erstklassigen Service. www.responsiblehotels.ch

