Text: Daniel Böniger
Metodo Classico. Mitte der 1970er-Jahre. Während in den Radios die Hits von Abba laufen und man in den Schweizer Restaurants Toast Hawaii bestellt, beschliesst ein Bauunternehmer namens Vittorio Moretti, in den sanften Hügeln südlich des Iseo-Sees in Italien Wein für sich und seine Freunde zu machen. Ein paar Flaschen Schaumwein, alles rein privat. Doch Moretti ist kein Mann der halben Sachen. Aus seinem Hobby wird bald eine Obsession. Und er erkennt das Potenzial der kalkreichen Böden, des fast alpinen Mikroklimas der Franciacorta. Sein Ziel: nicht den x-ten einfachen Prosecco zu produzieren, sondern einen Schaumwein nach der Metodo Classico – einen, der es locker mit den ganz grossen Produzenten in Frankreich aufnehmen kann. Er benennt sein Gut nach dem Hügel, auf dem es steht: Bellavista.
Gastronomie gehört zur DNA. Übers Tessin, wo Bellavista zuerst ausserhalb von Italien Fuss fasst, springt der Funke auch auf den Rest der Schweiz über – Moretti reist in den Anfängen persönlich durchs Land, besucht Starchefs von Zürich bis Genf, überzeugt sie im direkten Glas-zu-Glas-Vergleich. «Küchenchefs und die Sommeliers sind bis heute Botschafter für Bellavista und damit Teil unserer DNA», sagt seine Tochter Francesca Moretti, die inzwischen in der zweiten Generation das Weingut leitet. «Die Gastronomie war schon immer unsere bevorzugte Bühne; die Präsenz dort stärkt uns in allen Belangen.»

Im eindrücklichen Keller von «Bellavista» werden die Flaschen bis heute von Hand gerüttelt.

Bellavista-Chefin Francesca Moretti arbeitet mit Richard Geoffroy, den ehemaligen Kellermeister von «Dom Pérignon», Hand in Hand.
Schweiz im Fokus des Exports. Das Resultat dieser konsequenten Bestrebungen: Innerhalb von nur 50 Jahren ist Bellavista – und mit diesem pionierhaften Weingut auch die ganze Region Franciacorta – in der Schweizer Gastronomie zu einem Begriff geworden: Ob beim White Turf in St. Moritz, auf den Sonnenterrassen in Gstaad oder in den Trendbars an der Zürcher Langstrasse – das Ploppen eines Bellavista-Korkens gehört inzwischen zum guten Ton. Die Schweiz hat sich klammheimlich zu einem der wichtigsten Exportmärkte für das Gut aus Erbusco entwickelt, «auch dank unserer langjährigen Partner, zu denen der Weinhändler Casa del Vino gehört», sagt Francesca Moretti.
«Handwerk gehört zur italienischen Identität.» Was Francesca Moretti betont: Es sei nicht allein die ikonische Flasche gewesen, die zum Durchbruch verholfen habe: «Die Schweizer sind sehr selektiv, was Qualität angeht. Und offenbar haben wir es geschafft, diese Qualität auch ins Glas zu zaubern.» Letztlich habe dieses vom Familienunternehmen gelebte Streben nach Perfektion wohl auch die Schweizer Geniesserinnen und Geniesser überzeugt. Hat vielleicht auch ein Schuss Italianità dabei geholfen? «Natürlich, zur italienischen Identität gehört sicher immer auch Handwerk, das die Schweizerinnen und Schweizer bereits von anderen Produkten aus Italien kennen. Dazu gehört der Respekt vor den Details, den wir bei allen Produktionsschritten vom Weinberg bis in den Keller pflegen.» Tatsächlich hat Bellavista bewiesen, dass wahrer Luxus eben doch kein Herkunftsdiktat braucht, sondern vor allem stetiges Streben nach höchster Qualität. Und darum hört man, wenn in der Schweiz auf das Leben angestossen wird, eben immer öfter ein lautes, fröhliches «Salute!».
Fotos: HO
