Text: Erica Berazategui und Siméon Calame I Foto: David Wagnières

Ein Umami-Wein? Sein «Empreinte Marine» ist gleichzeitig süss, sauer, salzig und sogar etwas bitter. Im Mund meint man diesen aus der japanischen Küche vertrauten Umami-Geschmack zu erkennen. Aber in einem Wein, wie bitte? «Diese Geschmacksvielfalt erreicht man nur selten», erklärt Jean-Michel Novelle, Winzer in Satigny. «Aber genau diesen Unterschied, diesen kleinen überraschenden Tick, den suche ich. Genau das möchte ich erreichen. Zudem liebe ich das Kombinieren von Wein und Gerichten. Dieser hier passt sehr gut zu Meeresfrüchten.» Der fröhliche Winzer sitzt mit aufgestützten Armen an der Bar seines Degustationsraums und erklärt seine Passion für die Gastronomie und für seine künstlerisch komponierten Weine. Zum Beispiel die Fusion No 379 aus Savagnin blanc, Savagnin rose und Sauvignon blanc, die sich am Cocktail Mojito orientiert und sich sehr gut mit würzigen Gerichten versteht.

 

Das Laboratorium im Keller. Dieser Mann, der sich anfänglich in der Welt des Parfums bewegte, ist ein Sonderling im besten Sinn. Als er in den 1980er Jahren das Weingut seines Vaters übernahm, stellte er seine Bedingungen: Keine Chemie, die Möglichkeit, sich mit den Weinen zu «amüsieren», die Rebsorten zu diversifizieren und ein Weinlabor einzurichten. Als Erstes liess der Winzer fünf Hektar Chasselas ausreissen und ersetzte diesen durch 14 andere Traubensorten. «Etwas zu versuchen und Neues zu entdecken liegt in meiner DNA», erzählt Novelle, «ich starte mit einem weissen Blatt ins Jahr und versuche die Trauben zu begreifen, aber jede Ernte ist anders.» Um die 37 (!) Weine im Keller optisch zu unterscheiden, haben Jean-Michel und seine Frau ein eigenes System entwickelt: Giraffen, Krokodile, Flamingos oder leuchtende Farben schmücken die Flaschen. «Heute bestellt man bei uns nicht einen Pinot noir oder einen Mousseux extra-brut, sondern einen Löwen oder einen Gecko. Daran erinnert man sich weit einfacher», lacht der ausgebildete Önologe. 

 

Berater in Chile. Eine Eigenheit prägt auch die Kollektion namens Empreinte, wo Jean-Michel Novelle fröhlich Rebsorten und Jahrgänge mischt. «Ich bewahre jedes Jahr eine gewisse Menge Wein auf, je nach ihrer Reife», erklärt er. Das erlaube ihm die allerbeste Kombination für jeden Wein zu finden. Der «schöpferische Winzer», wie er sich selber nennt, lässt jedoch nicht nur diese Linie sehr lange reifen. Auch die Linie Point Final vereint Weine, die sechs Jahre lang im Barrique gereift sind und von denen es nur maximal 400 Flaschen pro Jahr gibt. Der Point Final No 1 wurde 2018 abgefüllt und aus Syrah und Pinot noir komponiert. Er zeigt sich frisch und rund im Mund und spielt mit feinen Aromen von dunklen Früchten und sanften Gewürzen, um dann zuletzt noch eine hübsche Säure zu offenbaren. Diese spezielle Säure ist inzwischen zum Markenzeichen dieses Mannes geworden, von dem sich auch eine Winzerfamilie in Chile beraten lässt. 

 

Das liegt im Keller: Weisswein: Empreinte blanche, Empreinte marine, Fusion 260 2018, Fusion 379 2018, Iconique Pinot blanc, Iconique Pinot gris, Iconique Chardonnay, Iconique Sauvignon, Iconique Viognier, Iconique Savagnin, Iconique Traminer
Rotwein: Empreinte rouge, Empreinte vénitienne, Iconique Muscat, Empreinte puissante, Empreinte noire, Iconique Gamay, Iconique Pinot noir, Iconique Merlot, Iconique Syrah, Iconique Cabernet, Point final I, Point final II, Point final V, Point final X
Rosé: Fusion 933 2018, Empreinte rose, Rose gamay, Rose pinot noir, 
Mousseux: Brut blanc de noirs 2017, Brut blanc de noirs 2008, Extra-brut blanc de noirs 2017, Extra-brut rose de noirs 2016, Réserve personnelle 2016

 

Coup de cœur: Iconique 2018 (pinot noir).

 

Das passt zusammen: l'Empreinte Epicée (Syrah und Gamay), abgefüllt im August 2021, zu einer sanft gewürzten Lammtajine mit confiertem Gemüse.

 

Drei GaultMillau-Chefs mit Weinen von Jean-Michel Novelle: Philippe Chevrier von der Domaine de Châteauvieux in Satigny (19 Punkte), Serge Labrosse in der Chaumière in Troinex (15 Punkte) und Philippe Durandeau im Café de la Paix in Genf (14 Punkte).