Text: Jennifer Segui
Vor zehn Jahren schied Benoît Violier unter dramatischen Umständen aus dem Leben. Der Schock schlug Wellen weit über die Welt der Gastronomie hinaus. Hat Sie die Anteilnahme berührt?
Brigitte Violier: Ja, vom ersten Tag an war das Mitgefühl spürbar. Vor dem Restaurant hatte es überall Kerzen und Blumen, die die Menschen dort niedergelegt hatten. Solche Szenen kannte ich nur aus dem Fernsehen. Nie hätte ich mir vorstellen können, so etwas selbst zu erleben. Wir waren zwar wie gelähmt vom Schmerz, waren damit aber nicht alleine.
War das Trost genug?
BV: Es blieb ein Bruch in meinem Leben, schliesslich war mein Mann in unseren beruflichen Projekten stets präsent. Mein Leben ohne ihn war geprägt von Zweifeln und von viel Unsicherheit.
Verstehen Sie heute mit zeitlichem Abstand seinen Abschied etwas besser, den er unerklärt liess?
BV: Mehrere Faktoren kamen zusammen. Wir hatten zwischen 2012 und 2016, während vier intensiven Jahren, fast Unglaubliches geleistet: Wir haben die drei Sterne des Hauses verteidigt, den Titel «GaultMillau Koch des Jahres 2014» verliehen bekommen. Zudem galten wir bei «La Liste» als bestes Restaurant der Welt. Darüber hinaus schrieb mein Mann verschiedene Bücher über Haar- und Federwild. Er gab sich keine Pause, es war gewaltig – ich glaube, da muss sich bei ihm eine unvorstellbare Müdigkeit angesammelt haben, die ihn diesen Schritt haben gehen lassen.
War er ein sehr sensibler Mensch?
BV: Enorm sensibel. Und er war ein Koch, der von einer absoluten Leidenschaft getrieben wurde. An ein gewöhnliches Leben war da nicht zu denken. Die Küche war bei ihm allgegenwärtig, und aufgrund seiner Erziehung und seiner Ausbildung waren seine Ansprüche an sich sehr hoch. Ich glaube, er war von einer riesigen Angst besessen, nicht genug zu machen. Und weil ihn diese Furcht verfolgte, trieb er seine Leidenschaft bis in den Exzess. Was erst ein aussergewöhnlicher Motor gewesen war, kehrte sich am Ende gegen ihn.
Welche Erinnerungen an die Jahre in Crissier sind heute noch präsent?
BV: Es war eine magische Zeit, wirklich! Ich konnte die Drei-Sterne-Gastronomie mit all ihrem Zauber hautnah miterleben. Die Welt war bei uns zu Gast, wir durften viele aussergewöhnliche Berühmtheiten, Köche und Sportler empfangen.
Wie waren die Jahre nach Benoîts Tod?
BV: Ich verspüre eine persönliche Genugtuung darüber, dass ich zusammen mit Franck Giovannini unter solchen Umständen das Restaurant und seine Geschichte weiter schreiben konnte. Dass wir das Team zusammenhielten.
Was fühlen Sie heute, wenn Sie am Hôtel de Ville in Crissier vorbeifahren?
BV: Eine seltsame Leere. Mir ist dieses Gebäude inzwischen fremd geworden.

Ein Koch, der von einer absoluten Leidenschaft getrieben wurde: Benoît Violier im Restaurant de l'Hôtel de Ville in Crissier.
Wie baut man sich nach einem solchen Drama wieder auf?
BV: Ich habe an der Seite eines Mannes gelebt, der eine unglaubliche Disziplin und eine klare Vision hatte – daraus habe ich auch Kraft geschöpft. Es hat mir den nötigen Schwung gegeben, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Die Wucht der Ereignisse liess mich meine eigenen Ressourcen entdecken.
Sie haben heute eine neue berufliche Tätigkeit.
BV: Ja, aufgrund meiner Erfahrungen begleite ich heute Führungskräfte dabei, ihre psychische Gesundheit zu stärken. Ich habe mich in verschiedenen Ansätzen des professionellen Coachings ausbilden lassen und bin als Therapeutin auch mit den Ansätzen des Neuro-Linguistischen Programmierens vertraut. Zudem engagiere ich mich bei Fachschulungen von Profis für Profis, die in der Hotellerie tätig sind. Dieses Konzept soll in Kürze auch auf Alters- und Pflegeheime ausgeweitet werden. Weiterhin bin ich auch künstlerische Leiterin bei den «Tables Ouvertes» in der Romandie.
Romain Violier: Es war ziemlich amüsant, weil meine Mutter und ich phasenweise zusammen studiert haben! Wir waren eng miteinander verbunden, quasi im selben Boot, um unsere Zukunft zu sichern.
Romain Violier, sind Sie Ihrem Vater böse, dass er diesen Schritt getan hat?
RV: Ich habe das damals nicht so empfunden. Erst mit 16 oder 17 Jahren entwickelte ich eine Wut darüber. Dank Gesprächen mit meiner Mutter und meinen Freunden konnte ich aber Frieden mit der Vergangenheit schliessen. Es gab viele Dinge, die ich erst nicht verstand, inzwischen aber begriffen habe.
BV: Als Romain klein war, fragte ich ihn, ob er seinem Vater böse sei. Er antwortete: «Ich bin ihm böse, weil er dich allein gelassen hat.»
Macht ihr Vater Sie auch stolz?
RV: Auf jeden Fall! Ich hoffe, dass ich etwas von ihm geerbt habe, von seiner leidenschaftlichen Seite. In Vevey habe ich die «École de photographie» besucht, und es braucht auch in diesem Metier Disziplin, wenn man es über eine lange Zeit betreiben möchte.

Sie haben die Geschichte in Crissier auch nach Benoîts Tod weitergeschrieben: Franck Giovannini und Brigitte Violier (2017).
Benoît Violier hat auch fotografiert.
BV: Ja, wenn er auf der Jagd war und sich kein Wild zeigte. Dann hat er Fotos gemacht. Das verkleinerte seinen Frust. (Sie lächelt.) Und es stärkte seine Verbundenheit mit der Natur. Es schien, seinem Bedürfnis nach Weite entgegenzukommen, das er hatte.
Romain, wie sehen Sie als Fotograf die Bilder Ihres Vaters?
RV: Ich erkenne darin ein immenses Bedürfnis, zur Ruhe zu kommen. Seine Motive waren oftmals Landschaften, viel Natur… Ja, offensichtlich wollte da jemand durchatmen.
Welches Erbe hat Ihr Mann in der Gastronomie hinterlassen?
BV: Sein gastronomisches Wirken wird für viele Referenz und Inspirationsquelle bleiben. Trotz seines jungen Alters hatte er es geschafft, dass er zu den wichtigen Vertretern seines Berufs gezählt hat. Und sein Einfluss und seine Aura sind bis heute auch für viele junge Köche von Bedeutung. Jérémy Desbraux in Le Noirmont oder natürlich Benoît Carcenat haben, denke ich, viel von Benoît mitgenommen – auch wenn sich die Gastronomie seither punkto Kreativität und Produktewahl stark verändert hat und solche Leitsterne wie er selten geworden sind.
Sind Sie heute, 10 Jahre später, glücklich?
BV: (Mutter und Sohn schauen sich lächelnd an.) Wissen Sie, Glück ist ein weiter Begriff! Es ist für mich kein Ziel, das man erreicht, sondern viel mehr ein Weg, den man erkundet. Glück baut sich Tag für Tag auf, und ich versuche meines zu pflegen wie einen Garten.
Fotos: Blaise Kormann, Marcus Gyger
