Fotos: Alessia Rauseo
Intruizzis Treue wird belohnt. «Borgogno» steht in grossen Lettern zuoberst auf jeder Etikette. Ein charmanter Etikettenschwindel! Denn was im Glas landet, ist keineswegs ein französischer Burgunder, wie man den Namen aus dem Italienischen übersetzen könnte, sondern die Essenz des Barolo und der Langhe. Einer, der täglich mehrere Flaschen des gleichnamigen Traditionshauses entkorkt, ist Rodolfo Intruizzi, Gastgeber und Sommelier im «Bottegone del Vino» in Lugano. Für diese Treue soll er heute im Beisein von «Casa del Vino» und Gastronomen der Region geehrt werden. Grosses Bild: «Schildübergabe» mit Andrea Farinetti & Rodolfo Intruizzi (v.l.).
«Weisser Barolo» von Farinetti. Extra angereist ist Andrea Farinetti. Der quirlige, spitzbübische Kellermeister von «Borgogno» versteht es prächtig, die Runde an diesem Montagmittag zu unterhalten. Er hat die passenden Storys im Gepäck: Etwa jene über den «Derthona», den wohl einzigen Weisswein, der das Wort «Barolo» auf der Etikette tragen darf – ein Privileg, das er seinem Ausbau in den Kellern unter der Altstadt von Barolo verdankt. Es ist ein kräftiger, gehaltvoller Weisser aus der Sorte Timorasso. Diese war 1986 bis auf eine letzte Hektare praktisch ausgestorben, bevor Farinetti und befreundete Winzer ihr neues Leben einhauchten. Heute bringt sie auf über 2000 Hektar wieder lagerfähige Weine hervor – perfekt, wenn es im Sommer für einen roten Barolo schlichtweg zu heiss ist.

Besser als 90 Prozent aller Risotti in Italien: Rotwein-Risotto im «Bottegone».

«Borgogno»-Fan & treuer Casa-del-Vino-Kunde: Gastgeber Rodolfo Intruizzi.

Hauptgang: Perlhuhn mit Kartoffel, Brüsseler und Rotwein-Reduktion.
Grosses Lob für den Rotwein-Risotto. Winzer Farinetti präsentiert weitere spannende Gewächse, darunter einen Barbera, den er als Lagenwein verstanden haben möchte und darum als «Langhe Bompè» etikettiert. Er serviert ihn an diesem Mittag leicht gekühlt: «Für mich ist Barbera aufgrund seiner Frische eigentlich ein Weisswein, der im Kleid eines Rotweins daherkommt», erklärt er. Zu einer kleinen Auswahl Salumi und dem anschliessenden Rotwein-Risotto harmonieren die ersten beiden Tropfen bestens. Der Risotto, zubereitet mit dem Wein «No Name», verdient trotz seiner puristischen Art – nur mit frisch geriebenem Parmesan verfeinert – höchstes Lob: Das Korn hat einen guten Biss, die Textur ist schön schlotzig. Da ist «Amore» drin! «Risotto ist eines der schwierigsten Gerichte überhaupt», kommentiert Farinetti. Dass er dem Tessiner Ristorante bescheinigt, es besser zu machen als 90 Prozent der Lokale in Italien, kommt einem Ritterschlag gleich. Nicht zuletzt, wenn man weiss, dass es Farinettis Vater Oscar war, der 2004 das prestigeträchtige Food-Unternehmen Eataly, spezialisiert auf italienische Produkte und Zutaten, gegründet hat.

Andrea Farinetti, Kellermeister von «Borgogno» – und Geschichtenerzähler.
Das Protest-Etikett. «No Name»? Auch das ist so eine Geschichte. Der Wein ist im Grund genommen ein erstklassiger Barolo aus Nebbiolo-Trauben der Top-Lagen Cannubi, Liste und Fossati, der von der entsprechenden Prüfungskommission 2008 allerdings wegen seines Geschmacksprofils abgelehnt worden war. Farinetti ärgerte sich sehr darüber und beschloss kurzerhand, den Wein aus Protest gegen die ausufernde italienische Bürokratie mit dem Etikett «No Name» und dem Zusatz «Etichetta di Protesta» zu versehen und trotzdem auf den Markt zu bringen. Ein geschmackvoller Aufstand, der inzwischen Kultstatus geniesst – weswegen man auch heute noch regelmässig sehr trinkige «Barolos» mit besagtem Label verkauft.
Speisekarte & Reservation? Nicht hier! Viel unaufgeregter ist das, was Gastgeber Rodolfo Intruizzi und Küchenchef Edoardo Bottega zur Weinprobe servieren: Als Hauptgang beispielsweise überzeugt auf den Punkt gebratenes Perlhuhn mit Fondant-Kartoffeln und gebratenem Brüsseler. Und es passt dank einer geschmackvollen Sauce hervorragend zu den trinkigen, oft leicht salzigen Weinen von «Borgogno». Danach noch ein Stück des Käses Testun? Wie im «Bottegone» üblich, sucht man eine feste Speisekarte vergeblich; man wählt stattdessen von der Schiefertafel, die täglich wechselnde, weinaffine Gerichte listet. Reservieren kann man hier auch nicht – nur wer pünktlich zur Mittagszeit erscheint, hat seinen Tisch auf sicher.
«Weisser Barolo»: eine Exklusivität, die von Andrea Farinetti gekeltert wird.
Barolo darf zum Braten in den Topf. Wie viele Flaschen Borgogno braucht es eigentlich für den Botschafter-Status? «Drei bis vier werden es schon sein, die wir täglich entkorken», sagt Intruizzi. Er erinnert sich noch genau an seine erste Flasche, die er getrunken hat, auf dem Weingut im Jahr 1988. Und an seine letzte, einen Barolo aus der Lage «Cannubi», den er erst vor drei Wochen privat geöffnet hat. Bleibt die Frage nach dem Brasato: Würde er einen solchen Spitzen-Wein wirklich zu einem Braten in den Kochtopf geben? «Sicherlich! Man merkt das dem Endresultat an! Wenn Fleisch und Gemüse von höchster Qualität sind, muss die Sauce es auch sein.» Da kann man nur anmerken, dass die Freundschaft zwischen dem «Bottegone» in Lugano und «Borgogno» in der Langhe tatsächlich auf einem soliden Fundament steht.


