Text: Max Fischer I Fotos: David Birri, HO
Treffpunkt Wengen. Ein doppeltes Heimspiel für Pascale Berclaz: Die Bielerin besitzt hier eine Ferienwohnung, und die legendären Weltcuprennen am Lauberhorn gehören zusammen mit jenen am Chuenisbärgli in Adelboden zu ihren Leuchtturm-Projekten. Die Direktorin der Tourismusorganisation «Made in Bern» verfolgt die Abfahrt am Canadian Corner – gekommen ist sie auf Ski. Am liebsten selber runterdonnern? «Ich fahre oft und gern Ski. Aber diese Abfahrt überlasse ich Odi & Co.», sagt sie. Und schwärmt: «Er macht das überragend. Er ist nicht nur ein Ausnahme-Skifahrer, sondern auch ein toller Typ. Das macht ihn – jetzt rede ich als Tourismusprofi – für die Schweiz und den Wintersport so wertvoll.» Pascale Berclaz ist seit acht Jahren an der Spitze der Tourismusorganisation. Sie ist nicht nur ein grosser Sportfan (Vize-Präsidentin des FC Biel, Marketing-Chefin des EHC Biel), sie ist auch ein Lese-Junkie, kocht fürs Leben gern. Und: Die Powerfrau macht auch Politik: Sie sitzt im Stadtrat von Biel. Das Interview.
Was bedeuten Ihnen die Lauberhorn-Rennen?
Gerade jetzt mit unserem Winterwonderland sind die Bilder unbezahlbar, die rund um die Welt gehen. Hinzu kommt das positive Image: Überall in der Welt können die Menschen die sensationelle Stimmung am TV praktisch aufsaugen. Alles ist sehr friedlich, verbindet Menschen aus verschiedensten Nationen. Auch wir Schweizer sind an einem solchen Rennen alle Schweizer.
Der Tourismus in Bern ist sehr heterogen. Wie bringen Sie diese Vielfalt unter einen Hut.
Sie ist unser grosses Plus. Es gibt spannende Städte wie Bern oder auch Biel, Bergdestinationen für Winter- und Sommeraktivitäten, die Aare, unsere Seen und sogar Wein. Das Berner Oberland ist eine gefragte Ferienregion. Die Achse Interlaken, Bern, Biel ist im Business-Travel und Kongress-Tourismus stark. Die Stadt Bern bietet eine tolle Infrastruktur, gerade mit der im letzten Jahr eröffneten Festhalle mit 9000 Plätzen. Wir sind eine Mini-Schweiz. Alles ist erst noch mit einem top Verkehrsnetz verbunden. Und: Wir Bernerinnen und Berner sind einfach gmögige Menschen!

Die Bundeshauptstadt hat viel mehr zu bieten als Bärenpark & Bundesplatz: Der Blick über Bern vom Restaurant Rosengarten.
Nur mit «gmögig» holt man keine Gäste.
Da täuschen Sie sich! Die Gastfreundschaft ist im Tourismus zentral. Wenn ich in einem noch so tollen Hotel beim Check-in «apfurred» werde, ist die Stimmung schon gleich zu Beginn im Keller.
Sie haben am letzten Tourismusforum Berner Oberland zusammen mit der Uni Bern eine KI-gestützte Analyse zur Gastfreundschaft präsentiert. Zufrieden?
Es machen in der Zwischenzeit schweizweit 19 Destinationen mit. Resultate mit Handlungsempfehlungen werden in den kommenden Monaten erwartet. Das Zusammenspiel aller Akteure ist zentral für einen verträglichen und qualitativ hochstehenden Tourismus.
Der Fachkräftemangel ist ein grosses Problem, auch im Tourismus.
Da spielen viele Kriterien mit hinein. Vom allgemeinen Nachwuchsmangel über die Arbeitszeiten, teils zu wenig Wertschätzung oder auch der Wohn- und Lebensraum. Es gibt bereits viele Betriebe und Destinationen, die diese Herausforderungen innovativ angehen und versuchen, die Arbeiten auf mehrere Schultern zu verteilen, um so Arbeits- und Ruhezeiten optimaler zu gestalten.
Genügt das?
Es braucht mehr. Zur Wertschätzung zählen neben Lohn und guten Rahmenbedingungen noch andere Faktoren wie Respekt, Mitgestaltungsmöglichkeiten und auch einfach ein freundliches Wort. Auch wir von «Made in Bern» sind beim Thema Fachkräftemangel in ständigem Austausch auf allen Ebenen. Denn eines ist ganz klar: Ohne Köchinnen, Kellner und Putzpersonal gibt es auch in der Schweiz keinen Tourismus.

Die Sonnenterrasse im Berner Oberland: Beatenberg im Frühling.

Das Drei-Seen-Land: Die Rebberge über dem Bielersee mit der St. Petersinsel.
Viele Orte im Gebiet von «Made in Bern» liegen unter der neuen kritischen Schneegrenze. Wie halten Sie dagegen?
Tourismus passt sich ständig an. Das zieht sich seit den Anfängen vor über 150 Jahren bis heute durch. Er ist allem ausgesetzt: Währungsschwankungen, Kriegen, Wirtschaftskrisen und eben Naturereignissen. Die Anpassungsfähigkeit ist die grosse Chance dieser Branche. Man muss reagieren, um zu überleben.
Ein Beispiel bitte?
In Valbirse im Berner Jura ist ein Bike Park mit drei Mountainbike-Pisten entstanden. Dort kann man fast das ganze Jahr fahren. Ziel des Projekts war es auch, den kleinen Skilift dort zu erhalten. Dank der Modernisierung durch den Bike Park ist der Skilift auch im Winter wieder im Einsatz, wenn es die Schneelage zulässt. Oder schauen Sie Gstaad. Das Dorf positioniert sich schon seit längerem nicht mehr nur als Schneedestination: Wellness, Gourmet-Erlebnisse, Lebensgefühl, schöne Spaziergänge sind angesagt. Die Jungfrau Region ist relativ hoch gelegen. Dank technischer Beschneiung kann ich von Wengen aus praktisch immer Skifahren. Die Destinationen sind innovativ.
Das tönt alles gut. Wie sehen denn die nackten Zahlen aus?
Seit der Delle wegen der Pandemie haben wir erfreuliche Zahlen, die sich nun stabilisieren. Im 2024 konnten wir rund 6.37 Mio. Logiernächte verzeichnen. Damit ist Bern eine der grössten Tourismusregionen der Schweiz.
Sind die Gruppen aus China und Indien Fluch oder Segen?
Auch diese Gäste reisen immer öfters individuell. Und es gibt keine angenehmen und unangenehmen Reisenden. Je weiter weg eine Kultur von der unsrigen ist, desto besser muss man kommunizieren.
Woher kommen die Gäste hauptsächlich?
Was viele überrascht: Der grösste Teil kommt noch immer aus der Schweiz. Leute, die hier im Sommer Wander- und Bike-Ferien und im Winter Skiferien machen. Seit der Pandemie haben die Gäste aus den USA stark zugenommen. Dann kommen Deutschland und das übrige Europa. Neu verzeichnen wir vermehrt Gäste aus Brasilien, die hier den Schnee und den Skisport erleben wollen. Das sind Gäste, die den hochwertigen Tourismus schätzen.
Pusht «Made in Bern» für diese Gäste nur die Top-Destinationen?
Für Reisende, die von weither hierherkommen, stehen die Leuchttürme wie Jungfraujoch oder Schilthorn im Vordergrund. Aber Besuchenden, die die Schweiz kennen, legen wir auch andere Schönheiten ans Herz: Zum Beispiel Winter-Kajaken auf dem Brienzersee, das Saunaboot auf dem Bielersee oder das Iglu-Fondue auf der Engstligenalp. Wir können uns da selber als Beispiel nehmen. Wenn wir privat eine Destination sehr gut kennen, wollen wir auch wieder mal etwas Spezielles entdecken.

Besonders beliebt sind Ausflüge mit dem Schiff. Auf dem Brienzersee, rund ums Schlössli Iseltwald ist immer etwas los.
Wo holen Sie Inspirationen her?
Ich besuche dieses Jahr die ITB in Berlin, die weltweit führende Fachmesse für die Reise- und Tourismusindustrie. Zudem lese ich viele Reise-Berichte und -Tipps. Aber ich bin ein «Reisefüdli» und besuche am allerliebsten neue und mir bekannte Destinationen auf eigene Faust.
Wohin geht’s dieses Jahr?
Zum ersten Mal nach Malaga in Südspanien. Zurück geht’s dann über Frankreich in die Schweiz. Dann stehen Veloferien von Hamburg nach Sylt auf dem Programm. Im Herbst möchte ich gern wieder ins südliche Afrika: Namibia, Botswana und Südafrika haben es mir sehr angetan. Häufig bin ich da abenteuerlich mit Dachzelt unterwegs. Das fegt!
Können Sie geniessen – oder schauen Sie alles mit der Touristikerbrille an?
Klar, es ist eine Déformation professionnelle: Ich schaue, wie der Empfang, das Handling am Flughafen oder in der Bahn ist. Das bringe ich nicht weg, aber ich liebe und geniesse meine Reisen.
Sie sind parteiunabhängige Stadträtin in Biel, Stiftungsrätin des dortigen Kunsthauses Pasquart, Vize-Präsidentin der Schweizerischen Tourismus-Direktoren und «Made in Bern»-Direktorin. Wo tanken Sie auf?
Ich arbeite zum Glück in der Industry of Happiness (lacht). Ich treibe viel Sport. Einmal in der Woche spiele ich Paddle Tennis. Mit Golfen habe ich gestartet, da bin ich noch eine blutige Anfängerin. Seit Jahren jogge ich. Auch beim passiven Sport kann ich Abschalten: Oft bin ich an Spielen des EHC Biel; mein Partner Martin Steinegger ist Sportchef. Und jetzt gerade stehe ich an den Lauberhornrennen am Pistenrand. Das sind Emotionen pur! Ebenfalls nehme ich rege am kulturellen Leben teil.
Wie schalten Sie ab?
Ich bin ein Lese-Junkie! Zurzeit liegen die Abenteuer von Vivienne de Wattenwyl auf meinem Nachttischchen. Sie machte anfangs des 19. Jahrhunderts mit ihrem Vater, einem Abenteurer, im Auftrag des Naturhistorischen Museums Bern eine anderthalbjährige Safari nach Kenia. Auf Arte schaue ich gerade die Filmdoku-Reihe «Dreamer» über Karen Blixen (Out of Africa). Starke Erzählungen, kombiniert mit Geschichte und Afrika. Da bringen mich keine hundert Pferde mehr weg!
Kochen Sie?
Ja, sehr gern. Mein Partner und ich sind sehr oft unterwegs, da schätzen wir es, gemütlich zu Hause zu köcheln und zu geniessen. Ich liebe leichte, asiatische Gerichte. Und ich bin ein riesiger Pasta-Fan. Ich könnte jeden Tag Spaghetti & Co. essen. Essen und Esskultur ist bei uns sehr wichtig. Meine Tochter ist Köchin, sie besucht zurzeit die Hotelfachschule in Luzern.
Zeit für Restaurant-Besuche?
Sehr gern sind wir im Sommer in den Métairies. Das sind die traditionellen Berggasthöfe der Jurakette. Rösti und Fondue. Alles sehr deftig, aber unglaublich fein. Mein Favorit ist die Métairie de Prêles in Les Prés-d’Orvin.
Und wenn’s Fine-Dining sein soll?
Die Sonne in Scheunenberg! 17 GaultMillau-Punkte. Seit Jahren top, was Küchenchef Kurt Mösching auf die Teller zaubert. Meine Eltern haben ihren Zweitwohnsitz in Frankreich: Ich liebe es, wie dort das Essen mit dem ganzen Drumherum zelebriert wird. Das ist fantastisch. In Spanien liebe ich Tapas, Paella und all die Meeresfrüchte.
