Text: Knut Schwander | Fotos: Blaise Kormann
21. Mai. Ein schwarzer Tag. Eigentlich war Starchef Benoît Carcenat auf dem Weg nach oben. Für sein Restaurant Valrose in Rougemont VD gab’s viel Lob, 18 Punkte, zwei Sterne und erst noch den Titel «GaultMillau Koch des Jahres 2023», die begehrteste Auszeichnung im Land. Carcenat auf dem Höhenflug, unterstützt von seiner Frau Sabine und von 35 handverlesenen Mitarbeitern. Aber dann kam’s zum Knall: Am 21. Mai 2015 teilte der Verwaltungsrat des «Valrose» dem in Crissier ausgebildeten Chef mit, dass eine komplette Konzeptänderung ansteht. Keine Option für den Chef. Heute ist im «Valrose» ordentliche, aber wenig aufregende italienische Küche angesagt. Eine bittere Wende: Benoît und Sabine Carcenat hatten vier Jahre lang alles gegeben und das «Valrose» an die Spitze geführt. Dann der brutale Absturz. Grosses Bild oben: Sabine und Benoît Carcenat.
«Ich hatte Angst, alles zu verlieren.» Für die Carcenats brachen harte Zeiten an. Benoît: «Ich hatte Angst, alles zu verlieren. Und es war mir unangenehm zu sagen, ich sei arbeitslos.» Zwar fehlte es nicht an Angeboten: Internationale Kochschulen, Hotelpaläste, Ausflugsrestaurants haben sich gemeldet. «Ich hätte beinahe einfach etwas angenommen, aber arbeiten nur um der Arbeit willen, das ist kein Lebensprojekt. Zudem haben wir zwei schulpflichtige Kinder. Wir konnten also nicht von heute auf morgen irgendwo hinziehen.»

Viel Zeit für die Familie: Die Carcenats mit Kids auf dem Schulweg.

Benoît Carcenat: «Ich hatte Angst, alles zu verlieren.»

«Heimwerkerkönig»: Das Regal hat der Starchef von A bis Z selbst gebaut.
Happyend? Zwei Lösungen in Sicht. Das Warten hat sich gelohnt. Zwei konkrete Angebote liegen auf dem Tisch, das Carcenat-Comeback ist in Sichtweite. Der Chef: «Es gibt zwei Optionen, die alle Kriterien erfüllen. Wir werden in der Schweiz bleiben, alles ist auf gutem Weg.» Ein Vertrag ist noch nicht unterschrieben, deshalb hält sich der Chef bedeckt und hofft, dass alle offenen Fragen zeitnah geklärt werden: «Wenn es nach uns ginge, könnte es schneller gehen.» GaultMillau kennt eine der beiden Lösungen. Sie wäre spektakulär.

Das Zeichnen hat Benoît Carcenat immer schon begleitet, «ich höre dann besser zu.»
«Unsere Ehe hat gehalten.» Wie wird man mit so einem Rückschlag fertig? «Trotz all der Spannungen hat unsere Ehe gehalten», sagt Sabine Carcenat mit einem Lachen. Und: Benoît und sie konnten zuvor noch nie so viel Zeit mit ihren Kindern Agathe, 8, und Caspar, bald 5, verbringen. Papa Benoît sichtlich stolz: «Wir spielen Gesellschaftsspiele, und ich kann eine echte Beziehung zu den Kindern aufbauen.» Sabine Carcenat absolviert eine Ausbildung in Finanzmanagement («das garantiert uns eine grössere Unabhängigkeit») und nimmt sich Zeit für die Fotografie. Benoît lebt zwei Leidenschaften aus: Zeichnen und Schreinern. Vor allem planen die beiden nicht mehr und nicht weniger als das Restaurant der Zukunft: «Inzwischen sind flexiblere Arbeitsmodelle angesagt. Wir möchten, dass bei uns nicht nur die Gäste, sondern auch die Angestellten glücklich werden.» Histoire à suivre.
