Text: Claude Ansermoz

Eine globale Bewegung. Carlo Petrini, der italienische Gründer der Slow-Food-Bewegung, starb im Alter von 76 Jahren in seiner Heimatstadt Bra im Piemont. Slow Food gab die Todesursache nicht bekannt; Petrini hatte in den letzten Jahren eine Prostatakrebsdiagnose erwähnt. «Carlin» (so nannten ihn seine Freunde) machte aus einer beinahe theatralischen Reaktion auf die Eröffnung eines McDonald’s-Restaurants nahe der Spanischen Treppe in Rom im Jahr 1986 eine globale Bewegung. Slow Food, 1989 in Paris mit einem von internationalen Delegationen unterzeichneten Manifest formalisiert, setzte sich für Lebensmittel ein, die in Bezug auf Geschmack, Umwelt und Produzenten «gut, sauber und fair» waren.

 

Auch in der Schweiz. Unter seiner Führung entwickelte sich Slow Food zu einem Netzwerk, das in über 160 Ländern vertreten ist. Petrini trug maßgeblich dazu bei, Themen, die heute zentral sind, in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte zu rücken: Lebensmittelvielfalt, kurze Lieferketten, traditionelle Anbaumethoden, Kritik an der Lebensmittelindustrialisierung und die wirtschaftliche Würde der Erzeuger. Neben Slow Food initiierte oder förderte er die Strukturierung von Projekten wie Terra Madre (einem globalen Netzwerk von Lebensmittelgemeinschaften) und die «Arche des Geschmacks», ein Katalog bedrohter Produkte. Vor allem aber gründete er die Universität für Gastronomische Wissenschaften in Pollenzo, die Tausende von Fachkräften aus rund hundert Ländern ausgebildet hat. In der Schweiz tragen beispielsweise Walliser Roggenbrot, der aus Rohmilch hergestellte Freiburger Alpkäse Vacherin, Farina Bona aus dem Onsernonetal, Chantzet (Blutwurst) aus der Region Pays-d’Enhaut und die Rebsorte Bondolla aus dem Tessin das Slow-Food-Presidio-Siegel.

Carlo Petrini hat die Slow-Food-Bewegung ins Leben gerufen, die sich mittlerweile in über 160 Ländern verbreitet hat.

Carlo Petrini gründete die SlowFood-Bewegung, die sich mittlerweile in über 160 Ländern verbreitet hat.

DIE Politische DIMENSION. Wer jemals in Pollenzo einen Kochkurs besucht und Carlo Petrini kurz kennengelernt hatte, war tief beeindruckt von der Schönheit und Philosophie des Ortes und von «Carlin» selbst. In Pollenza lernt man nicht nur (gut) kochen, sondern auch, dass Gastronomie und gutes Essen eine politische Dimension hat. Es wird unmissverständlich erklärt, wie die Geschichte oft vom Handel mit Lebensmitteln, Gewürzen und Feldfrüchten geprägt wurde. Pollenzo nahe Bra im Piemont ist reich an Geschichte: Die antike römische Stadt Pollentia wurde im 19. Jahrhundert zum königlichen Besitz des Hauses Savoyen. 1832 kaufte König Carlo Alberto das Schloss, und das Land war bereits in einen Musterbetrieb umgewandelt worden, der sich landwirtschaftlichen Experimenten, dem Weinbau und der nachhaltigen Bewirtschaftung des Gebiets widmete. Die ab 1833 erbaute Agenzia di Pollenzo diente der Verwaltung dieses weitläufigen landwirtschaftlichen Anwesens, das in einem neugotischen Backsteingebäude im Stil der damaligen Zeit untergebracht ist.

 

Universität & «Banca del Vino». Nach einer Phase des Verfalls wurde das Gelände Ende der 1990er Jahre dank des Engagements von Carlo Petrini und der Slow-Food-Bewegung restauriert. Seit 2004 beherbergt es die Universität für Gastronomische Wissenschaften sowie die «Banca del Vino», eine riesige unterirdische Anlage zur Bewahrung des Wissens und des Erbes der Rebsorten. Die Wahl von Pollenzo ist von großer Symbolkraft: Aus einem ehemaligen königlichen Agrarlabor ist ein Campus geworden, der sich der zeitgenössischen Erforschung von Geschmack, Biodiversität, Regionen und Ernährungssystemen widmet.

 

«Gastronomie ist kein Luxus!» Auf der Slow Food-Website prangt ein großes Foto des Gründervaters. Darunter seine Worte: «Wer Utopien sät, erntet die Realität.» Petrini hob die Gastronomie damit über den bloßen Genuss und das kulturelle Erbe hinaus. Für ihn war Essen eine Frage von Kultur, Ökologie, sozialer Gerechtigkeit und Politik. Er trug dazu bei, den Wert kleiner Erzeuger, traditioneller Praktiken und der Biodiversität angesichts der Globalisierung der Lebensmittelbranche wiederherzustellen. Carlo Petrini erreichte etwas Seltenes: Er machte die Schnecke (das Slow-Food-Logo) zu einem internationalen Symbol des sanften, aber beharrlichen Widerstands gegen die Homogenisierung der Lebensmittel. Seine größte Idee wird zweifellos diese bleiben: Gastronomie ist kein Luxus, sondern eine Denkweise über die Welt, ihren Boden, ihre Bauern, ihre Kulturen und ihre Ungleichheiten.

Fotos: Marco Del Comune & Oliver Migliore, Alessandro Vargiu