Text: Jennifer Segui

Zwei Karrieren, wenig gemeinsame Zeit. Wer Francesca Fucci und Alessandro Cannata am selben Tisch befragen möchte, muss dies genau planen. Denn die Küchenchefin der «Fiskebar» in Genf (16 Punkte) und der Küchenchef im Hôtel des Horlogers in Le Brassus (VD) sind nur selten gleichzeitig in ihrer gemeinsamen Wohnung ausserhalb von Genf anzutreffen. Die räumliche Trennung an mehreren Tagen der Woche ist der Preis, den dieses ursprünglich aus Italien stammende Paar zahlt – weil jeder seine eigene, erfolgreiche Karriere verfolgt. Sie macht dies ganz im Alleingang. Er arbeitet eng mit dem französischen Drei-Sterne-Chef Emmanuel Renaut zusammen, der die Menüs für die Brasserie Le Gogant (14 Punkte) und das Restaurant Table des Horlogers (17 Punkte) in Le Brassus am Ufer des Lac du Joux mitgestaltet. 

«Für uns passt das.» In der Schweizer Gastronomieszene dürfte die Konstellation, wie sie Fucci und Cannata leben, einzigartig sein. Es gibt zwar durchaus Kochpaare, die Seite an Seite in derselben Küche arbeiten, etwa Lucille Rougeron und William Bouton im «L' Ancolie» in Gryon VD (13 Punkte). Aber zwei Chefs, die ein Paar sind und auf so hohem Niveau in unterschiedlichen Küchen am Herd stehen, gibt es wohl kaum ein zweites Mal. Die Situation scheint den beiden starken Persönlichkeiten, die seit 2018 verheiratet sind, zu liegen: «Für uns passt das. Und weil es ja anscheinend trendy ist, dass Paare in getrennten Zimmern schlafen, macht es uns erst noch sehr modern», sagt Alessandro Cannata lachend. Und Francesca Fucci bestätigt: «Ich bin eine Frau, die ihre Unabhängigkeit schätzt. Als Schütze liebe ich die Freiheit.»

Francesca Fucci Multicoll

Francesca Fucci ist Küchenchefin in der Genfer «Fiskebar» seit 2020.

Fiskebar Multicoll

Sie bietet dort eine kreative Küche an, die auch skandinavische Akzente enthält.

Ständig Streit in Rom. Kennengelernt haben sich die Chefin und der Chef 2007 im Drei-Sterne-Restaurant La Pergola in Rom. Doch seither verfolgten der 45-jährige Römer und die 40-jährige Apulierin ihre eigenen beruflichen Wege. Nur einmal versuchten sie zusammenzuarbeiten: im «MoMA», ebenfalls in Rom, ausgezeichnet mit einem Michelin-Stern. Sie schworen nach dieser Erfahrung, das niemals wieder zu tun: «Keiner von uns kann sich wirklich gut unterordnen. Die Situation war äusserst angespannt», erzählen sie. «Ständig stritten wir darüber, ob wir eine Zutat hinzufügen oder eine weglassen sollen. Erschwerend kam hinzu, dass wir sehr unterschiedliche Vorstellungen von kulinarischer Stilistik haben.» Um ihre Beziehung zu retten, beschlossen sie: «Nie wieder!»

Sie sind wie Yin & Yang. Er hat eine sehr diskrete und technische Herangehensweise an berufliche Situationen. Sie ist eher überschwänglich und intuitiv. Und trotzdem sind sie inzwischen fast zwanzig Jahre zusammen. Was ist ihr Geheimnis? Sie scheinen sich perfekt zu ergänzen, sowohl im Leben als auch in der Küche: «Ich sage immer, wir sind Yin und Yang», sagt Francesca Fucci. «Ich habe, wie man in Italien sagt, mehr Mut. Ich verändere auch mal Rezepte, hinterfrage mich selbst und erkunde ständig neue Möglichkeiten. Alessandro dagegen muss sich immer genau an Rezepte halten.» Alessandro, der seinen Berufsweg als Ingenieur begann, fügt an: «Natürlich lege ich Wert auf guten Geschmack. Aber es stimmt, dass ich von Natur aus eher technisch veranlagt bin.» Er möge es durchaus, vorgegebenen und bereits etablierten Prozessen zu folgen. Bei Francesca dagegen sei stets alles im Wandel.

 

           Table des Horlogers Brassus Emmanuel Renaut

Im «Table des Horlogers» ist Alessandro Cannata (r.) der Mann des Vertrauens von Drei-Sterne-Chef Emmanuel Renaut.

Table des Horlogers Brassus Emmanuel Renaut

Auf den Tisch sollen dort Gerichte kommen, die das Terroir des Vallée de Joux repräsentieren.

Liebe zur italienischen Küche. Was ihnen gemeinsam sei, ist ihre Liebe zum Beruf: «Wir beide wissen ganz genau, wie stressig es in der Küche sein kann, wenn es mal nicht so läuft, wenn es kleinere Probleme mit dem Personal oder unzufriedene Gäste gibt», sagt Alessandro Cannata, der sehr regional und heimatverbunden kocht und den Gästen das Terroir des Vallée de Joux näherbringen möchte. «Tatsächlich drehen sich unsere Gespräche oft ums Essen», sagt Francesca Fucci. «Sogar im Urlaub. Wir lieben es, in den Ferien neue Produkte, Produzenten und Weine zu entdecken. Und wir besuchen regelmässig Sternerestaurants.» Wie sie diese gemeinsame Leidenschaft auch noch ausleben: Am 18. Juni werden sie in der Genfer «Fiskebar» gemeinsam ein Fourhand-Dinner zubereiten. Es wird, sagen sie, eine Hommage an die von beiden geliebte italienische Küche sein. Auch das eine Liebe, die hoffentlich noch ewig währt.

 

Fotos: Julie de Tribolet, HO.